Wenn die Form die Funktion bestimmt

 

von Petra Huth, Anwil

 

Das Alltagsleben der Familie Müller-Huth wird durch Kontraste geregelt. Diese manifestieren sich besonders in Koch- und Stilfragen. Die gemeinsame Schnittfläche in Sachen Möbel, Ausstattung und Aussenerscheinung unseres knubbeligen Einfamilienhauses in Ammel ist minimal. Die Folge sind jahrelange Verhandlungen um Kompromisse. Im Verhältnis zu unserer Entscheidfindung erscheinen die AHV-Revisionen als verhandlungstechnischer Schnelldurchlauf. Demokratie beginnt halt in der kleinsten Zelle der Gesellschaft – sprich in der Familie.

 

Eine harte Probe durchlief unsere Direktdemokratie, als wir in Basel bei in einen Schauraum einliefen, um daselbst endlich Waschbecken für das Badezimmermöbel zu finden, das seit mehreren Jahren als Versicherungsschaden in den Schubladen des Versicherers vergammelt. Die Ausstellung war gross, die Übereinstimmung der Kaufparteien so klein, dass der Begleithund sich nach der sechsten Runde missmutig in eine Badewanne verkriechen wollte, um nicht weiter den üblen Keramik- und Chromstahlwald durchwandern zu müssen.

 

Unser Badezimmerverhältnis ist der Beziehung Schweiz-EU vergleichbar: Befreundete Wirtschaftsräume brauchen eine klare Trennung. Also zwei Waschbecken statt ein riesiger Trog. Soweit so gut, aber Dicke, Form und Material schieden die Geister wieder. Mühsam arbeiteten wir uns auf Aufsatzwaschbecken im Salatschüsselformat hin. Meine Nerven lagen blank. Denn es gehört zur Taktik meiner besseren Hälfte, bei Dissens die Entscheidung zeitlich ins Nirwana zu vertagen. Ich halte das klammheimlich für eine typisch schweizerische Finte... Unter diesem Vorbehalt wandten wir uns an die Verkäuferin mit der simplen Frage, warum die Salatschüssel-Waschbecken in der Ausstellung alle zwar Stöpsel hätten, diese sich aber nicht schliessen liessen. Des Weiteren erschien uns unklar, weshalb ein Überlaufloch fehlte. Schliesslich reden wir ja von Waschbecken. Die Antwort machte mich sprachlos. Es hiess tatsächlich, dass das Design durch ein Überlaufloch gestört würde und als Folge davon – aus versicherungstechnischen Gründen – der Stöpsel auch nicht schliessen dürfe. 

 

Der Gatte und ich fanden angesichts dieser monströsen Absurdität zu ungewohnter geistiger Einheit. Ich versuchte nicht zu deutsch zu klingen, als ich betont vorsichtig nachfragte, ob es tatsächlich Designer gäbe, die die eigentliche Funktion eines Waschbeckens schlicht ignorierten. Wozu hat man ein Waschbecken, wenn man das Wasser darin nicht stauen kann, frage ich die Verkäuferin. Sie fühlt sich sichtlich unwohl ob unserer Betroffenheit und berichtet von vielen Käufern, denen das Design wichtiger sei als die Funktion. 

 

Verzweiflung eint. Angesichts der akuten Dekadenz der wohlstandsverwahrlosten Gesellschaft, beschlossen Gatte und ich die Konsumentscheidung bis auf Weiteres zu vertagen. Gut Ding will Weile haben...