Die Ampel steht auf rot

 

von Petra Huth, Anwil

 

Demnächst können sich Betuchte auf den Mars einschiffen. Die Armen dürfen via Internet zuschauen.  Wir sind wieder auf dem besten Weg zu einer Zweiklassengesellschaft. Aber es gibt auch Erfindungen für alle. Z.B. die Lebensmittelampel. Sie sorgt dafür, dass wir weniger fettleibig werden. Weniger Zucker und Fette, dafür mehr Ballast- und Nährstoffe. Rot ist miserabel, grün ist gesund. Völlig unerwartet vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen, weigern sich nun aber die beiden Grossverteiler, dieses wegweisende Instrument für Volkgesundheit einzuführen. Sie verhindern die idiotensichere Ernährung, die eine weise Expertokratie für uns plant. 

 

Wie absurd das Ganze ist, merkt niemand. Zeit die Zusammenhänge zu repetieren. Wir sind das Volk. Das Volk wählt politische Vertretende, die für das Wohl der Gesellschaft sorgen sollen. Wir sind klug genug, diese Leute ins Amt zu bringen, aber zu blöd, um zu wissen, welche Nahrungsmittel für uns gut sind. Dabei könnten wir das einfach auch ganz der Packungsbeschriftung entnehmen. Sozusagen selbstständig. Bei akuter Überforderung gibt es ja noch die Gratisweiterbildung für alle – das Internet. Schliesslich verbringen die Menschen mittlerweile mehr Zeit damit, Konsumentscheidungen abzuwägen, als mit dem Konsum selbst.

 

In diesem Hamsterrad stört die sachorientierte politische Bildung nur. Deswegen wählen wir immer häufiger rechts, denn die sorgen für Ordnung und ist die anstrengende Demokratie erst einmal abgeschafft, muss man sich ja dann auch um nichts mehr kümmern. Da bleibt mehr Zeit für die Lebensmittelampel. Denn in der Schweiz muss das Volk ja auch noch über die Gesetze entscheiden – etwa jene für die Wirtschaft. Ein Betrieb will Gewinne erwirtschaften, sei es nun eine Bank, ein Autohersteller oder die Migros. Alle versuchen, uns ständig neue Produkte aufzuschwatzen. Denn unser hart erwirtschaftetes Geld muss im Umlauf bleiben, sonst kollabiert das System. 

 

Getarnt als „soziale Marktwirtschaft“ ist es schleichend zum Perpetuum Mobile der Zeitfresserei mutiert. Es geht um Umsatz und Gewinne und Börsenkurse. Nicht mehr um die Frage, was und wenn ja, wieviel wir brauchen, um als Gesellschaft zufrieden zu sein. Das 20. Joghurt macht uns nicht glücklicher. Die naheliegendste Antwort heisst freiwilliger Verzicht – auf die Rechte und übermässigen Konsum.

 

Aber Achtung: In dem Moment, in dem wir nicht mehr die neusten Cerealien, Kühlschränke, Gasgrills und Flüge kaufen, wird mit dem Verlust von Arbeitsplätzen gedroht. Niemand fragt sich mehr, ob dann nicht als erstes die Managergehälter wieder auf ein vernünftiges Ausmass sänken. Ökonomisch ist es nämlich sinnlos, dass Einzelne seit Jahrzehnten mehr verdienen, als ein Mensch pro Leben ausgeben kann. Vielleicht führt weniger Konsum zu gleicheren Löhnen, statt zu Arbeitslosigkeit? Eigentlich ist es wie mit der Lebensmittelampel. Sobald mit dem Verlust von Arbeitsplätzen gedroht wird, sehen wir alle die Ampel auf rot – und fragen nicht mehr. Gott sei Dank gibt’s da noch die Experten. Die halten uns auf Kurs.