Das Projekt Kind

 

Petra Huth, Anwil

 

Es hat mich immer gewundert, warum die Menschen so ein riesiges Theater um die frühkindliche Erziehung machen. Denn sobald die lieben Kleinen zu Teenagern werden, stellt sich heraus, es kommt eh alles anders als gedacht.

 

Ich hatte einen knuffigen kleinen Samurai, immer gut gelaunt, lustig, aber eigensinnig. Mich fand er spassig, seinen Papa hingegen himmelte er an. Wahrscheinlich, weil dessen Ehrgeiz in Sachen Erziehung sich aufs Wesentliche beschränkte. Mein Sohn ist wie ein Überraschungsei. Mutter weiss nie, was als nächstes kommt. 

 

Als Kleinkind hat Wonnepropen schlecht gegessen und war oft krank. Die Kinderärztin prognostizierte, dass sich dies spätestens mit 16 Jahren ins Gegenteil verkehren würde. Ich glaubte ihr kein Wort. Sie riet mir auch, statt eines Hundes einen Esel für Aaron anzuschaffen. Der sei stur genug, um nicht alles zu machen, was der Kleine so wolle. Bingo.

 

Heute ist der Samurai einen Kopf grösser als ich, stark wie ein Bär, ungeheuer witzig und verfügt über eine Menge Eigenschaften, die ich qua frühkindliche Erziehung verhindern wollte. Meine Liste der Dinge, die nicht geklappt haben: Gendertraining, Kochenlernen, Eltern als naturgegebene Chefs im Rudel akzeptieren, Ordnung (er ist selektiv ordentlich), Interesse an klassischer Kunst und Kultur, Klavierspielen, eine Matur, Geduld, Bücherlesen, Gartenarbeit.

 

Die Liste der Dinge, in denen ich erfolgreich war: Freundliches bis charmantes Verhalten gegenüber Aussenstehenden jeden Alters, Pünktlichkeit (eine Fähigkeit, die er sich nur angeeignet hat, um mich zu quälen), Handwerkstalent, Disziplin, Bildungseifer in allen Lernmethoden, die nichts mit Bücherlesen zu tun haben, sportlicher Ehrgeiz, die Fähigkeit, sich in allen gesellschaftlichen Milieus zurecht zu finden, das Talent, auch ohne Wlan zu überleben, Toleranz gegenüber den wenig jugendfreundlichen Ansichten seines Grossvaters (was mir eher selten gelingt).

 

Womit ich nicht gerechnet hatte: Den abrupten Übergang ins Berufseben in Form einer Zimmermannslehre steckt er locker weg. An der Faulheit zu Hause hat sein Arbeitseifer nichts geändert. Die Kadenz, in der ich den Kühlschrank füllen muss, hat sich auf 48 Stunden erhöht. Dafür konnte ich den Job als Lerncoach bereits in der Sekundarschule an den Nagel hängen: Seit meiner Entlassung macht der Junge deutlich bessere Noten. Alle journalistischen Fragetricks meiner Schlauigkeit prallen am  Komplettschutz seiner Privatsphäre ab. Mutter kann sicher sein, dass sie Neuigkeiten von Bedeutung mit Sicherheit zuletzt erfährt. 

 

Da ich den Backoffice-Job in Sachen Kochen und Waschen öd finde, stellte ich neulich den Antrag, er solle sich doch bitte eine Freundin suchen. Ich erhielt die Auskunft, jetzt sei er gerade in der Testosteronphase, aber diese Etappe seiner Entwicklung sei als nächstes geplant. Ich müsse halt Geduld haben.

 

Ich sehe also weiter dem Erwachsenwerden zu und warte… einen Esel hat er nicht bekommen. Den Job mache ich bis auf Weiteres.