50 Jahre erfolgloses Erwachsenwerden

 

von Petra Huth, Anwil

 

Statistisch gesehen bin ich nun 50 Jahre alt. Plötzlich hat frau das Gefühl, sie müsse nun dringend erwachsen sein. Nur wie? Ich probiere es seit 34 Jahren trotz eigener Kinder komplett erfolglos. Meine Generation hat kein Handbuch darüber, wie man würdevoll alt wird. Obwohl wir seit Jahrzehnten nachgewiesenermassen zunehmend klimaschädigend unterwegs sind, definieren wir uns vor allem als Leistungsträgergeneration. Eigentlich wissen ja nur wir, was Arbeiten unter Echzeitbedingungen heisst. Das ist besser als zuzugeben, dass wir damit eigentlich heillos überfordert sind. Ja, und so stand ich gerade ein bisschen an, als ich anlässlich meines Geburtstages mal keine Überstunden, sondern einen Tag frei machte. 

 

Während ich also alles für eine spontane Sause vorbereitete, überlegte ich die ganze Zeit, ob ich im Wald noch über Baustämme laufen und auf Bäume klettern dürfte, oder ob das nun definitiv albern sei.

 

Meinen nervigen Grübeleien beendeten meine wunderbaren Freunde gleich zu Beginn dieses 8. April: Sie fanden, die Denke sei nun wieder typisch für mich alte Schachtel. Schliesslich sei ich schon immer skurril gewesen und daran werde sich auch in Zukunft nichts ändern. So was beruhigt ungemein. 

 

Unser kleines Haus füllte sich mit Leuten und es trat der Effekt ein, den ich so an meinem engsten Kreis schätze. Ab einem gewissen Mass an Chaotik übernehmen die Gäste das Fest. Wahrscheinlich wirke ich auch als ergrauter Pumuckl noch so dermassen hilflos, dass man sich das Bier selber aus der Garage holt, die Blumen ins Wasser stellt, die Spülmaschine abfüllt und den Hund davon abhält, die historische Chance zur Selbstverköstigung zu nutzen. Das Festtagsgeschirr wird mangels Nachschub durch Kompostteller ersetzt, Suppenlöffel statt zierlicher Kuchengabeln, die man eh nicht mehr findet. Meine Freundin Doris, die weiss Gott nichts für überflüssiger hält, als Unterteller unter Kaffeetassen zu platzieren, liefert diese freiwillig mit, weil sie weiss, dass das Geburtstagskind am Boden ihres zigarettengeschwärzten Herzens diesbezüglich einfach bünzlig ist. 

 

Ich gebe bekannt, mich anlässlich meiner unweigerlich zweiten Lebenshälfte auch ein zweites Mal um den Schweizer Pass bewerben zu wollen. Das Einbürgerungsformular sei eingetroffen, nun müsse ich mich auf eine drejährige Wartefrist einstellen. Daraufhin kommentiert Freundin Priska mit Kennermiene, ich müsse nun also für die nächsten drei Jahre ÖV benutzen. Zur Erinnerung: Der letzte Versuch mich einzubürgern, scheiterte an zu nahem Auffahren im Habsburgtunnel. Die Volksstimme berichtete.

 

Ich stelle fest, es sind diese spontan grandiosen Feste, die mein Leben enorm bereichern. Schliesslich gibt es in Zeiten des ständigen Hochleistungsdrucks am Arbeitsplatz kein grösseres Geschenk, als wenn Menschen, die mein Leben schon 30 Jahre entscheidend mitprägen, an einem Montagabend bis um halb eins mit mir feiern. Sie definieren mein Empfinden für Zugehörigkeit – mit oder ohne roten Pass.