Politik Macht Sprache

 

Viele junge Leute finden Politik uninteressant. Kein Wunder bei all dem verklausulierten Blödsinn, den Politik und Verwaltung in die Welt setzen. Praktisch jeden Morgen auf der Fahrt zum Bahnhof nehme ich nicht nur die aktuellsten Krisen aus Bundesdeutschland, sondern auch die neusten Sprachkreationen mit nach Bundesbern. Manchmal in geht es schon ins Kabarettistische, etwa wenn gewisse Regierungschefs als verhaltensauffällige Staatenlenker bezeichnet werden. Im Deutschlandfunkradio begeben sich Bundestagsabgeordnete, Staatsekretäre, Parteichefs und Minister in den täglichen rhetorischen Eiertanz mit Journalisten. Das Ziel, sachdienliche Hinweise auf Inhalte. Doch die sind Mangelware – nicht nur bei der SPD.

 

Ein Sprachwissenschaftler hat die Veränderung der politischen Sprache untersucht und bezeichnet Wörter wie Entwicklung, Struktur, Konzept etc. als Plastikwörter. Legosteine, die für jeden Gebrauch kombinierbar sind. Sie wirken zwar inhaltsstark, lösen sich aber bei genauem Hinsehen in Luft auf. Es ist wie im Märchen "Des Kaisers neue Kleider". Hier wie dort sind es die Jungen, die die Sache durchschauen...

 

Bundesbern tickt zwar weniger schlimm, aber auch hier florieren die Floskeln. Nehmen wir das bundesrätliche Ritual zum Urnenentscheid: Jetzt gilt es, das Abstimmungsergebnis zu respektieren. Die deutsche Kanzlerin würde sagen: “Diese Erkenntnis ist alternativlos“. Denn was soll der Bundesrat bitteschön Anderes machen? Die Regierung kann wohl schlecht in Streik treten. Durchsetzungsinitiative hin oder her.

 

Hier noch ein paar Hinweise, wie Sie die Politikersprache entcodieren können: Wenn Sie etwa hören: Wir verhandeln ergebnisoffen, dann heisst das Kein Ergebnis zu erwartenund Mer luegen emohl. Intensive Diskussionensind eine Umschreibung für mir händ Lämpe. Eine angespannte Haushaltslagesteht für: Faktisch pleite und Achtung: Steuererhöhungen und Einsparungen bei allen öffentlichen Ausgaben ausser bei Polizisten, Lehrern und sonstigen Beamten. Schliesslich müssen wir noch schlichte Sinnlosigkeiten entlarven, etwa wenn der Dauerbrenner Rentenreform auf Eis gelegt wird. Es reicht, sich die Aktion bildlich vorzustellen. Wenn also Junge sich nicht für Politik interessieren, könnte es am Abhalteeffekt solcher Leersätze liegen. 

 

Mal ehrlich: Würden Sie Ihrem Sohn, der mehr Taschengeld will, ein abgespecktes Forderungspaketempfehlen oder ihm mit zeitnaher Einschränkung privater Freiräumedrohen? Schon gar nicht würden Sie ihm mit der Verschärfung familiärer Überwachungkommen oder ernsthafte militärische Sanktionen androhen. Er würde Ihnen wiederum kaum Schlichtungsgespräche anbieten oder seine klare Abgrenzung als Bündnispartner signalisieren. 

 

Denn: So sprechen nur Politiker und auch deshalb haben Populisten leichtes Spiel, wenn sie bilderreiche Comicsprache einsetzen. Die Classe Politiquesollte sich im innerpolitischen Sprachwettbewerb verlorenes Terrain zurückholen. Am besten im Dialog mit Ihnen – dem Souverän.Bleiben Sie also aufmerksam!