Lernen – mal anders

 

Reisen bildet. Deshalb verfrachteten wir diesen Sommer unseren Teenager unter elterlicher Obhut nach Peru. Das verwöhnte Jung-Schweizerchen sollte einmal die weniger satte Welt auf der anderen Seite der Welthalbkugel entdecken. Für den Teenager in jeder Beziehung eine Herausforderung. Eltern, deren Entdeckertrieb sich als schlicht unkontrollierbar erwies, 11-stündige Busfahrten ohne WLan, freilaufende Hundemeuten, lokale Märkte mit viel rohem Fleisch, aber ohne Kühlregal, Quinoa statt Klöpfer. Das schlimmste aber: Eltern, die – statt sich am Strand in Luft aufzulösen - mit dem Velo durch die Wüste fuhren, ständig Tonscherben, Inkamauern und Mumien gucken wollten und dafür einen Jungen im Wachstum täglich um 5 Uhr morgens aus den Federn holten. Riesenmotten und Geckos in einer Dschungel-Lodge ohne feste Wände, rationierter Strom, Höhenkrankheit und kalte Duschen. Der perfekte Sommernachtsalbtraum für jeden Teenager.

 

Das pädagogische Ziel war jedoch höhergesteckt. Primär ging es darum, dass man in weniger reichen Gesellschaften schon sehr viel früher in die Selbstverantwortung kommen muss. Nur gerade 20 Prozent der Bevölkerung haben Zugang zu Kranken- und Sozialversicherungssystemen. Wasserversorgung hängt für viele Zuzüger in den Städten von der Geldbörse ab. Der Klimawandel schlägt in diesem Teil der Welt in der vollen Konsequenz durch. Das Grundwasser ist ebenso rar geworden, wie die einstmals grossen Gletscher in den Anden. Kinder laufen in den Anden meilenweit zur einzigen Schule, wenn ihre Eltern sie nicht zum Arbeiten aus der Schule nehmen. Den Verdienst eines Anden-Landwirtes hat ein Schweizer Teenager schnell mal ausgegeben.

 

Der Reichtum des Landes ist die Landwirtschaft, die auch in 4000 Metern Höhe noch funktioniert, aber von Hand erwirtschaftet werden muss. Die Gold- und Silberminen sind zum überwiegenden Teil ausverkauft – an ausländische Investoren. Ein wesentlicher Teil Perus gehört nicht mehr den Peruanern. In den Flüssen des Amazonasgebietes wird Gold gewaschen, der Anteil Quecksilber der für diesen Prozess verwendet wird, beträgt ein Mehrfaches des Goldanteils, der dabei gewonnen werden kann. Das Quecksilber wird zurück in die Flüsse geleitet und vergiftet den Artenreichtum ebenso wie die Indigenen, die sich ihr Wasser nach wie vor aus den Flüssen holen. 

 

Mein Sohn konnte allerdings erfahren, dass alle diese Probleme nicht etwa in Stillstand münden –im Gegenteil. Die Peruaner sind ein stolzes Volk mit einem grossartigen kulturellen Erbe und es beschränkt sich keineswegs nur auf Machu Picchu.Das Inkareich war während unseres Mittelalters ein perfekt organisierter Zentralstaat mit bis zu 12 Mio. Einwohnern. Peru und Südamerika stehen zu Unrecht im Windschatten der Weltpolitik. Denn die Probleme sind nicht so unterschiedlich zu Europa, wie man meinen könnte. Was mein Teenager von dieser Reise mit in sein Leben nimmt? Frau wird es sehen. Letztlich ist Lehren die Kunst, Entdecken zu helfen.