Eine Schweizer Reise

 

Jüngst bereiste ich wieder einmal meine Wahlheimat auf der Suche nach unbekannten Ecken. Die Reise startete in Obwalden, genauer gesagt in Flüeli-Ranft. Auf den Spuren des berühmten Bruder Klaus. Mitten im konservativen Kernland, in dem es eigentlich nur zwei Parteien gibt, obwohl ab und an ein einsames Plakat auf die Existenz eines mutigen Sprengkandidaten der FDP hinweist. Dank der vielen Gläubigen gibt es hier noch Hotels, bei denen sich der Wellnessbereich auf einen Brunnen vor dem Tore beschränkt und etliche Schilder auf Orte der Stille verweisen. Flüeli-Ranft zelebriert den Katholizismus, die Bescheidenheit und die kluge Weitsicht des Nationalheiligen.

 

Bruder Klaus Lebensweg wurde uns im örtlichen Museum geschildert. Frisch erleuchtet zog er in die Fremde und kam... bis nach Liestal. Dort erklärte ihm ein Bäuerlein kurzerhand, er befände sich nicht mehr auf dem Gebiet der Eidgenossenschaft und solle sehen, dass er wegkäme. Der arme Mann kehrte zwar zurück, aber nicht zu seiner Frau. Trotz der 10 Kinder tauschte er sie gegen Gott als Lebenspartner aus. Das schöne Haus für die klamme Schlucht gleich nebenan. Sein Haus betrat er nie mehr. Der vollkommene Asket, seine Frau, ein Sinnbild der Entsagung. Heute würde man Kinder solcher Eltern vorsorglich psychologisch betreuen lassen. 

 

Nach dieser geistigen Einkehr, mussten wir die Fahrt zum geografischen Mittelpunkt der Schweiz auf der Aelggli-Alp aufgrund meiner akuten Flachländer-Höhenpanik frühzeitig abbrechen. Der Bergler an meiner Seite schlug vor, stattdessen das neue Bürgenstock-Resort ennet Luzern zu besichtigen. Ausstieg aus dem Hodler-Gemälde und Einstieg in eine Jeff-Koons-Plastik: Man landet auf einer Bergkette mit Landepisten für Helikopter und Luxusautos, bornierten Portiers, einem Orientrestaurant neben einem Hotelensemble aus Holz und Steinkisten, das einer unfertigen Festung gleicht. Aus Glashöhlen mit Indoor-Golf, Zahnoperationsstühlen, einem „Küchenlabor“ und Luxusläden werden die Höfetli und die Wiesen mit ihren Kühen in der davor liegenden Senke zur Ballenbergkulisse für Superreiche. Zwei Welten, die absolut nichts mehr verbindet. Zwei Seiten einer Schweiz.

 

Ich sass am künstlichen Kaminfeuer, blickte abwechselnd auf ein paar verschleierte Frauen und die Kühe aus der Hodler-Kulisse und fragte mich, was passieren würde, wenn Niklaus von der Flüe heute lebte. Was würde er tun, um sich Gehör zu verschaffen? Würde er sich einen Facebook-Account zulegen? Was würde er wohl zu dieser dekadenten Prachtkulisse von nebenan sagen? Ich frage mich, ob die Schweiz wirklich diesen krassen Gegensatz verträgt. Wenn Investmentfirmen unbedingt Geld versorgen müssen, könnten sie das ja auch Einklang mit Land und Landschaft tun. Müssen wir uns für eine Botox-Klinik auf einem Bergmassiv wirklich zum Zoo degradieren? Nun soll mir ja keiner mit dem Nutzen für das einheimische Gewerbe kommen...Sicher ist, Niklaus von der Flüe und seine tapfere Frau würden Selbstbesinnung vorschlagen.