Florettfechten

 

Diese Woche fand das grosse TV-Duell um den Kanzlerposten der Bundesrepublik Deutschland statt. Ein Fernsehduell der besonderen Art. Denn es ging äusserst schweizerisch zu und her. Wer sich einen Ringkampf im Stil von Hillary Clinton und Donald Trump erwartet hatte, wurde enttäuscht. Die beiden Kontrahenten gingen wohlwollend miteinander um. Gefochten wurde allenfalls mit dem Florett. 

 

Das ist so in der Politik und Merkel ist Politik. Das man betont freundlich miteinander umgeht hat, wie in der Schweiz, mit der grossen Koalition zu tun. Man wird auch nach der Wahl aufeinander angewiesen sein. Hier wie dort wählt die Mehrheit der Bürger diese besondere Form der Mässigung - um sie nach der Wahl als profillos zu brandmarken. Als würden die Parteien nicht auch lieber von dieser Mässigungsgeissel befreit werden und in Konkurrenz leben.

 

Es ist auch ohne dies schwierig einen deutschen Kanzler abzuwählen. Seit Wochen stellen die Medien den Schulz-Zug aufs Abstellgleis. Dabei ist Schulz schlagfertig und ein erfahrener Verhandler, er kann Schulz einen hungrigen Hund vom Wurstlaster herunterquatschen. Dagegen steht eine Kanzlerin, die bereits zwei Wahlkämpfe durchgestanden hat mit dem simplen Motto: „Sie kennen mich.“ Für TV-Duelle – das weiss sie – ist sie nicht geeignet. Trotzdem ihre Marketingstrategen es geschafft haben, ihre Zögerlichkeit in ein treusorgendes Mutterimage zu modellieren. Die Frau, die inhaltlich mehrere Kehrtwenden vollzogen hat, liess sich unter dem Druck des Fernsehduells zu einer solchen hinreissen. Sie kennt die Umfragewerte und die bescheinigen ihr ein zu lasches Verhalten bei Erdogan. So kommt sie nach der klaren Ansage von Schulz auf die Frage zurück und erklärt den Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei für salonfähig, obwohl er noch nicht mit den EU-Partnern abgestimmt ist. Ein Vorgehen, das sie ohne Fernsehduell nie gewählt hätte. 

 

Das Phänomen Merkel besteht darin, dass sie alle Gründe für Politikverdrossenheit auf sich vereint – und sie zu Stärken umformt. Nur bei ihr sind es Stärken. Merkel hat Werte, aber keine Visionen, sie steht für Bedächtigkeit, Anpassen auf dem Weg, Taktieren und Machtpolitik an der richtigen Stelle – also für Realpolitik. Damit wird sie zum unersetzlichen Gegenpart zu den Männern im (nuklearen) Kampfmodus. Sie den Überblick und gibt einer Mehrheit der Menschen Sicherheit. Nicht optimal für wirkliche Reformen in den Entscheidzirkeln. Die wären sehr wichtig, genauso wie der Aufbau einer Nachfolge.

 

Die Moral von der Geschicht: Vielleicht sollten wir uns mehr mit unserer eigenen Politikverdrossenheit auseinandersetzen: Hier wie dort delegieren wir nämlich das, wofür wir uns nicht selber hergeben wollen, an Politiker. Vielleicht sollten wir sie stärker einbinden und fordern, statt uns nach vollzogener Wahl auf der Fernsehcouch zurückzulehnen und uns über das Florettfechten aufzuregen.