Die Schweizermacher 2.0

 

Erinnern Sie sich an „Die Schweizermacher“? Migranten, die sich mit egoistischen Motiven die Schweizer Staatsbürgerschaft erschleichen wollen, legt der Einbürgerungsbeamte Bodmer das Handwerk. Mit Schweizer Gründlichkeit. Und die ist keineswegs passé. „Die Schweizermacher“ Version 2.0“ ereignete sich im Hause Müller/Huth.

 

Aktenkundig ist mein Versuch zur ordentlichen Einbürgerung. Er scheiterte an zu nahem Auffahren über einen aargauischen Autobahnkilometer und an einem fehlenden Abstandsmeter. Mein Gesuch ist bis 2018 storniert und Söhnchen war mitbetroffen. Denn ich bin nicht nur kriminell veranlagt, sondern lebe auch noch mit dem Vater des Kindes in wilder Ehe. Das Kind hing deshalb aufenthaltsrechtlich gesehen, am gesetzesbrecherischen Nabel seiner Mutter.

 

Doch nun wurde das Kind 12 und damit einbürgerungsfähig. Zum Antrag brachten wir alle Beweisstücke vor. Den Geburtsschein, die Identifizierung seines biologischen Vaters als 100%-Helvetier aus den Wurzeln eines benachbarten Bergvolkes. Auf ein handschriftliches Motivationsschreiben, wie ich es noch hatte verfassen müssen, durften wir verzichten. Man managte unsere Erwartungen, wegen der hohen Auslastung der Beamten könne es dauern. Kein Vergleich zum schroffen Kasernenton der Kollegen aus der deutschen Botschaft.

 

Doch die Beweise reichten nicht ausreichend. Eines Morgens flatterte uns ein Schreiben aus Liestal ins Haus. Eine Dame bat uns unter freundlicher Angabe ihrer Teilzeitpräsenzen, es solle sich bitte mindestens ein Elternteil oder der Antragsteller bei ihr melden. Mein erster Gedanke: Wir sind durchgefallen. Schliesslich könnte Aaron einen ähnlichen Hang zur Delinquenz haben wie ich. Ich schnelle ans Telefon.

 

Auf das, was nun kam, war ich nicht vorbereitet: Die Dame erkundigte sich nach Aarons schulischen wie nicht-schulischen Interessen. Mein Kopfkino: Verflixt, warum spielt er nicht einmal Klavier wie andere Kinder? Sollte ich noch politisch korrekte Hobbies erfinden? Ob er denn Schwyzerdytsch spreche? Gott sei Dank – „Besser als Hochdeutsch“, knirsche ich. Seine Begabungen und Fähigkeiten? Ha, sie wollen schätzen, wie hoch sein zukünftiger BIP-Beitrag wohl sein wird. Welche Orte in der Schweiz Aaron kenne? Ich weise bescheiden darauf hin, dass ich neben meiner Funktion als Erziehungsberechtigte, Politikwissenschafterin sei und also mein Sohn bereits eine Führung durch das Bundeshaus hatte. 

 

Das beruhigt die Dame. Sie kommt zum Wesentlichen. Wohnen wir in einer Wohnung oder einem Haus, zur Miete oder Eigentum? Faktencheck: Wird sich Aaron später mal die Steuern leisten können? Nachdem das Materielle besprochen ist, möchte sie ihn noch selbst fragen, warum er denn Schweizer Bürger werden wolle. Mein Sohn legt ein filmreifes Finale hin: „Ich möchte gern richtig zu diesem Land gehören.“ Wir befinden uns nach dreimonatiger Karenzfrist in der Online-Schlaufe für den roten Pass.