Die Osterbilanz – ein Hühnerhof der Lebenswelten

 

Am Ostersamstag schlage ich die Zeitung auf und sehe Hühnerköpfe vor mir. Gemalt hat sie Isabella Rossellini, die berühmte Tochter von Ingrid Bergmann. Sie gehört zu den Leuten, die sich leisten können, auf Long Island aussterbende Hühnerrassen zu züchten, zu zeichnen und pünktlich an Ostern ein Buch über sie zu publizieren. So weit, so gut, heute können Berühmtheiten sich alles leisten. Die Medien sorgen dafür, dass wir sie in ihrem Idyll beobachten können.

 

Wehe, wenn wir Normalbürger jedoch merken, dass Long Island und unsere Welt immer weiter auseinanderdriften. Dann bringen wir die ins höchste Amt von denen wir immer lesen, dass sie erfolgreich sind und also den Spiess für uns umkehren können. Wir wählen natürlich auf Verdacht. Überprüfen können wir nichts, denn es nicht unsere Welt. Und der Superreiche gefällt sich im Reality-TV und spielt mit richtigen Waffen, aber nicht zu unseren Gunsten.

 

Der türkische Staatspräsident hat seine Pläne zur Alleinherrschaft realisiert – auch auf unserem Grund und Boden. Wir schauten zu, denn das Wetter an Ostern war wichtiger. Die demokratischen Werte werden nicht mehr verteidigt – weder hier noch am Bosporus. So schnell kann’s gehen...

 

Vielleicht sollten wir in der Bastion Schweiz einmal darüber nachdenken, wie wir unsere Demokratiewerte verteidigen können. Nicht gegen, sondern mit den Europäern. Denn Abgrenzung schafft das Problem der De Facto–Diktaturen nicht aus der Welt.

 

Mir fallen die Nonnen im Benediktinerkloster Au ein, die ich letzten Sonntag kennengelernt habe. 15 Frauen in einem riesigen, frisch renovierten Klosterbau mit Park. Sie verbringen Ihr Leben damit, Gott anzubeten und ein wenig zu stricken. Ich denke an die zerbombten Kinder in Syrien. Kann Gott das wollen? 15 Frauen, die nicht mehr an der Gesellschaft teilnehmen, und deshalb auch nie auf die Idee kämen, ihren vielen Platz aus Barmherzigkeit zu teilen. Später schaue ich zu, wie 20 geistliche Herren eine schwarze Frau anbeten – die Madonna von Einsiedeln. Könnte Gott nicht auch eine Frau sein? Gestern hat die Kirche uns noch erklärt, was wir zu denken haben – heute bombt das Leben praktisch an ihr vorbei, ihre prächtigen Gebäude, die Reliquien und Rituale scheinen aus der Zeit gefallen. 

 

Meine Osterbilanz: Egal, was auf der Welt geschieht, es geht uns etwas an. Populismus kann nur dort entstehen, wo man zu träge wird, sich miteinander auseinanderzusetzen oder füreinander besorgt zu sein. Dann entsteht echte Fremdherrschaft: Gesetze und Tabus ersetzen den persönlichen Austausch, damit Gesellschaften weiter funktionieren können. Das gefällt eigentlich niemand. Wir sollten also schauen, dass wir unsere Lebenswelten wieder mehr zusammenbringen. Schliesslich sitzen wir - wie die Flüchtlinge – am Ende des Tages alle in einem Boot, ob es nun Baselland, Schweiz, Europa oder Erde heisst. Und es wird noch viel zu bereden geben in nächster Zeit...