Alternative Fakten

 

 

Wir haben Jahrhunderte gebraucht, um die heutigen Demokratien zu bauen. Und nun muss ich den Rückbau erleben. Vor einem Jahr noch hätte ich es für unmöglich gehalten, dass die grösste Demokratie der Welt einem aufgeblasenen, lächerlichen Hasardeur ohne Manieren den Koffer für die Atombombe und die grösste Militärmacht der Welt in die Hand drückt. Ob es nicht doch Putin ist, der gerade die Medienfreiheit abschafft, ist derzeit noch unklar. Wann genau hat ein Teil der Amerikaner angefangen, das Imponiergehabe auf dem intellektuellen Stand eines Gorillas für gute Politik zu halten? 

 

In Deutschland wird zeitgleich ein Buchhändler ohne jeden innenpolitischen Leistungsausweis als Pop-up-Kanzlerkandidat aus Brüssel rückimportiert. Die Rückholung ist in diesem Fall allerdings potenziell folgenfrei, weil Frau Merkel die Wahl gewinnen wird. Während Donald Trump alternative Fakten einführt, ist Frau Merkel als Fakt alternativlos. Deutschland ist zwar mit 80 Millionen Einwohnern das bevölkerungsstärkste Land in Europa, aber irgendwann haben wir den Kanzlern erlaubt, auf Nachwuchsförderung zu verzichten.

 

Die Briten haben immerhin genug Leute, um die Mannschaft, die den Brexit-Schlamassel verursacht hat, zu ersetzen. Die Neuen mussten ein Gericht fragen, ob und wie sie den Volkswillen umsetzen können. Interessant sind hier die Parallelen zu den Führungsetagen grosser Unternehmen. Die Mannschaft, die den Job vermasselt, wird noch während des Spiels vom Feld genommen und ein neuer Stab eingesetzt. Neues Spiel, neues Glück. Verantwortung? Wie gedruckte Bücher. Nostalgie fürs Kinderzimmer.

 

Erdogan zeigt uns wie der Rückbau von der Demokratie zur Diktatur über Nacht funktioniert: Wichtig ist ein anständiges Feindbild, auch wenn es am Anfang nur in der Wahrnehmung existiert. Den Rest besorgt die Propaganda, wenn man die Medienvielfalt gleichzeitig sauber zusammenfaltet. Wahrscheinlich müssen wir auch realistisch betrachtet unsere Erwartungen an die Demokratie anpassen. Da bringen die Chinesen eine neue Variante ein: Die Diktatorkratie lehrt den demokratischen Umgang miteinander unter staatlicher Aufsicht und unter Einhaltung importierter Vorschriften, wie etwa jenen der OECD. 

 

Während Europas neu vereinigte Rechte die Schweiz als Vorbild für Demokratie feiert, hört man hierzulande immer häufiger, dass die Komplexität von Vorlagen wie der USRIII das gemeine Volk überfordern könnte. Schliesslich geht es wie eigentlich immer um nichts weniger als Sein oder Nicht-Sein für die Schweiz. Ich sage: In dieser absurden Welt ist das Volk mehr denn je gefordert, sein Recht auf demokratische Teilhabe zu verteidigen und miteinander ohne jegliche mediale Vermittlung im Gespräch zu bleiben. Informieren Sie sich grundsätzlich aus verschiedenen Quellen und bleiben Sie unter allen Umständen tolerant und differenziert. Es geht um nichts weniger als die Verhinderung der Schein-Demokratie.