Meine Welt | VS Nr. 003  | 08.01.2016

Weihnachtsbaum - Albtraum

 

Rund um Weihnachten geht bei uns fast schon traditionell viel schief. So vergass meine Mutter einmal die Nadel in der gestopften Gans. Natürlich fand mein Vater dann die Nadel auf seinem Teller. Heute kommentiert der 87jährige Überlebende gern von seinem sicheren Platz auf der Couch unsere Vorbereitungen mit Hinweis darauf, dass ihm bei uns als Chaotenfamilie jederzeit ähnliches widerfahren könne. So vergass mein Gatte auch schon mal Weihnachtsgeschenke zu kaufen und schenkte jedem Familienmitglied deshalb eine Autobahnvignette. Aaron hat noch ein 80 auf 30 cm grosses Paket mit Bastelteilen für eine Boeing 707 zum Selberbauen. Opa wollte mit diesem Geschenk das Kind im Alter von sieben pädagogisch richtig beschäftigen. Seit Jahren schwebt die Boing 707 als Monument unseres erzieherischen Versagens über jedem Weihnachtsfest.

 

Der Gatte kocht das Menü, was den Vorteil hat, dass Opa ihn von der Couch aus betexten kann. Ich kaufe immer den Weihnachtsbaum. Denn der Gatte brachte bei seinem einzigen Einsatz ein bedauernswertes Gestrüpp in Kniehöhe nach Hause, das die Form einer umgekehrten Klobürste hatte. Mein Vater befand, dass es eher einem Pfeiffenputzer als einem Baum ähnelte, auf gut hessisch ein „Derkel“. Den Job gab der Gatte genauso gern ab wie die Gartenarbeit.

 

Leider wussten die Mitglieder der Kulturkommission Anwil nichts über das fehlende Dekorationstalent des Kommissionsmitgliedes Müller. Daher bat ihn ein verhinderter Kollege, am Tag X den Weihnachtsbaum für Ammel zu dekorieren. Also versah KM Müller den Weihnachtsbaum geflissentlich mit den dafür vorgesehenen vier Lichterketten und kehrte zufrieden heim.

 

 

Am Tag X+1 gab es im Dorf nur ein Gesprächsthema: den verunglückten Weihnachtsbaum von Anwil, der im Gegensatz zu den Prachtstücken auf der Busstrecke Ormalingen Rothenfluh alles andere sei, als ein baumgewordenes Manifest zum höchsten Feiertag des Jahres. Mein armer Robin Hood, sein Amtskollege und wohl auch der Förster hatten übersehen, dass der Baum den Schönheitsvorstellungen der Einwohnerschaft nicht wirklich entsprach: „Das hättet dir liäbä lo si.“ Aaron und ich entschlossen uns zu einer Ortsbesichtigung bei Nacht und Nebel. Das Kommissionsmitglied Müller erwies sich in weiten Teilen als unschuldig: der Baum dürr und struppig wie ein Reisigbesen, aus Platzgründen am Dorfbrunnen unten schmal, sah aus wie seinerzeit Apollo 17. Die Lichterketten baumelten in traurig ungeordnetem Zickzack herunter und hoben die verunglückte Form dieses baumgewordenen Unfalls noch mehr hervor. Während Aaron lakonisch kommentierte, man solle Papa eben keine Weihnachtsbaumaktionen übergeben, gründete sich flugs eine Task Force „Rettung der Dorfehre und des Weihnachtsbaumes“. Ergebnis: Die Rakete wurde schöner geschmückt – und Robin Hood konnte sich zufrieden in die Küche zurückziehen. Eine Domäne, in der er schlicht unübertroffen ist.