Meine Welt | VS Nr. 018   | 12.02.2016

Unsere Wirtschaft?

 

Die Marktwirtschaft funktioniert zum Wohl des Konsumenten. Ein guter Verkäufer ist „nahe beim Kunden“. So steht es in den Marketingbroschüren fast aller Dienstleister. „Der Kunde ist König“ mutet dennoch irgendwie veraltet an. Der real existierende Konsument ist in der Wirtschaft 3.0 vielmehr ein Übel, das soweit wie möglich virtualisiert oder möglichst effizient bedient werden sollte. Auf keinen Fall sollte er den Unternehmensablauf als solchen zu stark zu beeinträchtigen.

Also wird der Kunde artgerecht als Herdentier versorgt und in der Post, am Bahnschalter oder am Flughafen erstmal in eine möglichst lange Schlange eingereiht. Da kann er oder sie sich dann mit seinen Artgenossen austauschen, während er wartet. Denn Schalter oder Kassen werden nicht entlang der Anzahl Kunden geöffnet. Das Verhältnis ist aus unbekannten Gründen umgekehrt proportional.

In jeder Beziehung ohne Konkurrenz sind in dieser Disziplin die SBB. Wenn im Sommer die Touristen die Züge ausbuchen und Sie als Normalbürger beispielsweise auf die unglaubliche Idee kommen, für eine Gruppenreise reservieren zu wollen, dann kann es passieren, dass Ihnen der freundliche Berater schon mal statt der Direktdestination eine kleine Schweiz-Rundereise mit einer unübersichtlichen Vielfalt an Umsteigesprints anbietet, um an eine Destination zu gelangen, die sehr einfach direkt zu erreichen wäre. Wäre die Schweiz nicht der Hotspot, der für die Reiserinnerungen der aufsteigenden asiatischen Mitteklasse unverzichtbar ist.

Eins ist klar: Schuld sind Sie, denn die Touristen brauchen wir ja schliesslich für das Wirtschaftswachstum. Das Vereinreisli können Sie schliesslich auch in der Zwischensaison buchen. Vor allem aber sollten Sie andere Reisewillige nicht behindern, indem sie da jetzt am einzig verfügbaren Schalter noch kompliziert tun. Die SBB nimmt schliesslich keine Rücksicht, wenn Fahrgäste ihren Zug verpassen, weil der Lehrling auf Schalter zwei gerade die gesetzlich vorgeschriebene Pause macht.

 

Der Billettkauf über das Smartphone bringt ebenfalls Umgemach: Etwa, wenn die Applikation spinnt und sie schon im Zug sitzen ohne den Kauf abgeschlossen zu haben. Dann sind sie ein potenzieller Trickbetrüger, wenn Ihr Kontrolleur beruflich frustriert ist. 

Sollten Sie sich allerdings darüber beschweren wollen, dass die SBB sie in einer Woche fünfmal zu spät befördert –was ja regelmässig in dieser Jahreszeit vorkommt – dann verlassen Sie die Toleranzzone. Sie erhalten eine Zurechtweisung, dass man lediglich verpflichtet sei, Sie von A nach B zu befördern und nichts sonst. Wenn Sie mutig dagegen halten, erhalten Sie mir viel Glück von der Kommunikationsabteilung einen 5-Franken-Getränkegutschein. Meine Bilanz: Es wird Zeit, dass wir uns von unserem Image als reine Beförderungsobjekte verabschieden und wieder zu dem werden, was wir sind. Als Kunde sind wir nämlich unverzichtbar.