Volksstimme | Meine Welt  | Juni 2016

Und wehe, Sie kaufen nicht!

 

Sie werden es schon bemerkt haben: Als Kunde sind sie nicht länger König. Auch wenn Ihnen die Werbung täglich das Gegenteil versichert. Vielmehr sind Sie ein unbezahlter Mitarbeiter Ihrer Bank, Ihres Detaillisten und sämtlicher Anbieter von langlebigen Konsumgütern.

 

Die Marketingabteilungen gaukeln Ihnen gerne vor, dass Sie ohne deren Produkte wertlos dahinvegetieren. Haben Sie aber z.B. ein kluges Telefon, neudeutsch Smartphone, sind Sie als Mitarbeiter-Kunde universell einsetzbar. Sie sind vernetzt, mobil, gratis und sorgen für den Umsatz. Man kann Ihnen nun Aufgaben abdelegieren, die früher zum Service gehört haben. Das spart dem Unternehmen Logistik- und vor allem Personalkosten.

 

Arbeiten Sie in Zürich, dann wissen Sie, dass spontane Restaurantbesuche den Tod durch Verhungern zur Folge haben können. Ohne (schriftliche) Anmeldung geht ohnehin nichts. Beim Einkaufen stellen Sie immer wieder fest, dass Sie dem Angestellten, der die Regale auffüllt, unnötigerweise im Weg stehen. Jeder Versuch, den Einkaufswagen unauffällig zu parkieren, wird strikt geahndet. Der bezahlte Mitarbeiter mit dem Pallettrolli hat immer Vorfahrt. Also versuchen Sie auch bitte nie, den Palettrolli zu verschieben, um an ein Produkt heranzukommen. Sie überschreiten hier eindeutig Ihre Kompetenzen.

 

Bitte zeigen Sie sich anstellig: Nicht geschätzt wird zu langsames Arbeiten am Kassen-Fliessband. Der zerquälte Gesichtsausdruck der Kassiererin sagt Ihnen: Sie halten den Betrieb auf.  Wagen Sie nicht, noch weitere Verzögerungen zu verursachen, indem sie etwa noch Münzen abzählen wollen.  Bei Coop sieht man gerne, wenn Sie die Ware anleitungsfrei einscannen können.

 

Am liebsten aber sollten sie diese Orte ohnehin meiden und sich stattdessen ins Internet verziehen, wo man Sie – sollten Sie lästig werden - in einer Endlosschlaufe des Telefonpools entsorgen kann. Bei der Post oder der Bank bietet man Ihnen immerhin ein attraktives Jobprofil. Hier übernehmen Sie die Ein- und Auszahlungen, wenn auch in mühsamer Heimarbeit. Bei Talent können Sie sogar zum Online-Aktienhändler aufsteigen.  Sollten Sie dagegen weiterhin stur auf Bedienung bestehen, werden Sie in vielen Filialen durch Zettelziehen zur Nummer degradiert.  

 

Den Gipfel der Fronarbeit erreichen Sie aber nur bei IKEA. Denn hier dürfen sie alles sein: Lagerarbeiter, Logistiker, Monteur, Kassenpersonal und Zustelldienst. Wenn Sie wünschen auch mit Verpflegungsgutscheinen für die hauseigene Kantine, dem obligaten Geburtstagsglückwunschkärtchen (schwedische Firmenkultur) und der Option auf Sonntagsarbeit. Bastelworkshops erübrigen sich, denn bei IKEA darf man in stundenlanger Kleinarbeit sogar Lattenrosts puzzeln.

 

Sollten Ihnen Ihre diversen Jobs als Mitarbeiter-Kunde einmal stinken, gibt es leider nur eins: Streik durch Konsumverzicht. Denn ohne Sie als Kunden geht gar nichts in unserer schönen neuen Konsumwelt.