Meine Welt | VS Nr. 1050  | 29.04.2015

Jour de rire

 

Bundesrat Schneider-Amman hat es der Nation erklärt: Lachen ist gesund. Von mir aus könnte er jeden Tag Reden à la „jour de rire“ halten. Die Staatsgeschäfte können schliesslich auch seine 2300 Mitarbeiter regeln. Da der Bundesrat diese Art der Volksgesundheit leider nur selten fördert, planten Sohn und ich den einzig offiziellen Spasstag des Jahres, den 1. April besonders detailliert. Mein Sohn kündigte an, meine Gesundheit durch ein massives Update (Jugendsprache) in Sachen „hausgemachter Spass“ zu fördern.

 

Der 1. April startete für mich deshalb bereits um Punkt Mitternacht des Vortages. Als ich mich ins Bett legte, juckte mich plötzlich mein ganzer Körper. Ich fuhr wieder aus dem Bett und wie den Onkel von Max und Moritz wusste ich schnell, woher die Pein kam. Aaron hatte Juckpulver gestreut.

 

Mein feixender Sohn musste am nächsten Morgen ausschlafen, denn er hatte sich mit Zuckerdragees gedoped, um ja diesen herrlichen Moment nicht zu verpassen. Anschliessend verlor er noch relativ viel wertvolle Schlafenszeit auf der Flucht vor mir. Ich nutzte den Morgen, um sein Velo und seinen IPod zu verstecken. Beim Aufwachen erklärte ich ihm teilnahmsvoll, seine Freunde seien leider ohne ihn nach Basel gegangen. Wissend, dass ein Teenager in massiven Psychostress gerät, wenn die Herde ohne ihn auf Abenteuer zieht. Entsprechend gewaltig regte er sich auf und ich genoss meine Rache. Bis zum nächsten Kaffee.

 

Der war mit Salz gesüsst, was nicht weiter tragisch war, denn ich trinke Kaffee hauptsächlich, um meinen niedrigen Blutdruck auf Betriebstemperatur zu bringen. Der Adrenalinschock der dem lauten Knall vor unserer Haustür folgte, sorgte für das nötige Adrenalinniveau. Aaron hatte eine selbstgebastelte Bombe mit Schwarzpulver gezündet, just als ich völlig vertieft daran arbeitete, die Welt mit einer neuen Forschungsstatistik zu beglücken.

 

 

Die Welt musste warten, denn Aaron forschte ebenfalls – an einem neuen Geschoss. Eine Weile war alles ruhig und ich meinte bereits, meine Mahnungen in Sachen Spassgrenze hätten gefruchtet. Bis ein markerschütternder Schrei die Stille zerriss und Aaron heranstürzte. Im Arm zwei lange Schnitte umgeben von Blut. Nun ist im Leben einer erwerbstätigen Mutter die Angst ein steter Begleiter. Frau könnte ihre Aufsichtspflicht vernachlässigen – wegen der Statistiken. Innert Sekunden war ich deshalb ebenfalls im roten Bereich, riss mein Kind zum Erste-Hilfe-Kasten und … blickte auf zwei aufgeklebte Tatoo-Narben, die ich altersgerecht in seinem Adventskalender deponiert hatte. Sie waren an Echtheit nicht mehr zu übertreffen. Umrahmt wurden sie von dem tropfenden Inhalt einer Ketchupflasche. An diesem Abend löste ich ein Versprechen, dass ich Aaron gegeben hatte: Mich wie eine Vorzeigemutter zu benehmen, wenn er das erste Mal eine Freundin nach Hause bringt. Im Gegenteil. Das wird der Moment für ein massives Update sein.