Die verhängnisvolle Karriere des Haushundes

George Orwells „Farm der Tiere“ ist eigentlich eine Fabel, die auf die Ungerechtigkeiten des stalinistischen Sowjetregimes aufmerksam machen wollte. Es geht um die Erhebung der Tiere einer englischen Farm gegen die Herrschaft ihres Besitzers, der sie ausbeutet. Nach Erfolgen und beginnendem Wohlstand übernehmen die Schweine, als die klügsten Tiere immer mehr die Führung und errichten eine schlimmere Gewaltherrschaft, als jene, die die Tiere hatten abschütteln wollen.

 

Wie alle unsere Beziehungen, ist auch unser Verhältnis zum Tier nicht gerade widerspruchsfrei. Vielleicht weil wir  - wie Orwell - die Tiere vermenschlichen. Nur so lässt sich wohl erklären, warum mir neulich eine Gruppe instinktfreier Rehe den Weg in den Wald versperrte und ich mich dezent zurückzog. Schliesslich gehört das Reh in den Wald, der Hund und ich sind genau genommen Wirtschaftsflüchtlinge mit Aufenthaltsstatus ohne Bleiberecht. Wir wollten die Tiere beim Gang in die Kantine nicht stören, sonst bekämen sie am Ende noch Dichtestress. Schliesslich prägt die Rücksicht aufeinander unser Zusammenleben in der Schweiz.

 

Allerdings nutzt der Marder, der seit gut 10 Jahren meine Dachgaube als Kinderkrippe missbraucht, meine Rücksicht nur aus. Schon trainiert er seinen Nachwuchs, mich mit Toilettengängen vor der Haus- oder Terrassentür im wahrsten Sinne des Wortes drein laufen zu lassen. Eine kalkulierte Strafaktion, wenn ich wieder mal versuche, ihn loszuwerden. Wie die Schweine auf der Farm der Tiere, lebt der Marder bei uns die Macht des Stärkeren.

 

Der Hund hat in dieser Hierarchie am meisten verloren. Seine Karriere vom Wildtier zum Haushund ist die Geschichte eines eigentlichen Niedergangs. Wäre er frei wie der Wolf geblieben, dann wäre er heute geschützt wie der Marder, niemand dürfte ihm Vorschriften machen. Ab und an gäbe er Anlass für eine hitzige Debatte im Parlament. Aber nur wenn er Schafe reisst, vorher wäre er im rechtsfreien Raum unterwegs.

 

Als Haustier mit Leinenhaftpflicht lebt er stattdessen unter dem Generalverdacht des Quasi-Kriminellen. Ein Blick auf eine Katze genügt, ihm Mordabsichten, im günstigsten Fall Ängstigung zu unterstellen. Ob die Katze ihrerseits Vögel ängstigt, fällt nicht ins Gewicht. Der Hund muss in die Hundeschule, denn schliesslich ist er als ehemaliger Wolf an der Leine gefährlich. Auch wenn er nur ein Dackel ist, könnte er Kinder, die einmal im realen Leben bestehen sollen,  frühtraumatisieren. Deshalb dürfen Hunde sich nicht mehr prügeln oder ohne Aufpasser herumlaufen. Die freie Meinungsäusserung gilt für sie nicht, denn Knurren und Bellen sind Anzeichen für Aggression. Wenn sie Vögel jagen, liegt ein Straftatbestand vor, Katzen dagegen töten straffrei. Wo, fragen sich da sicher nicht nur die Opfervögel, bleibt da die Gerechtigkeit? Mein Hund jedenfalls würde eine Leinenpflicht für Katzen fordern, wenn er könnte.