Meine Welt | VS Nr. 033   | 18.03.2016

Die bedrohte Heimat

 

Vorsicht, diese Kolumne ist kitschig. Denn ich erkläre, warum mir die Tränen herunterliefen am Sonntag, den 28. Februar so gegen 13:30 Uhr. Der Souverän hatte sich zu diesem Zeitpunkt absehbar gegen die Durchsetzungsinitiative entschieden. Petra Huth, Politologin, Niederlassung C, wohnhaft in Anwil, 1 Sohn heult vor Erleichterung – und Stolz. Stolz auf die Heimat, in der ich ohne Mitentscheidungsrecht leben darf.

 

Seit den Umfragen, die 2015 noch über 60 Prozent Zustimmung ausgewiesen hatten, war mir das nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Mein zu nahes Auffahren vor rund 10 Jahren, wegen eines Abstands von nur 10 Metern im Morgenstau, Habsburg-Tunnel. Mein damals laufendes Einbürgerungsgesuch wurde in der Folge auf 10 Jahre sistiert, bis der Eintrag im Bundesstrafregister gelöscht sein würde. Was, wenn mir oder anderen so etwas nach einer Annahme der Initiative passiert wäre? Als nicht mehr schweiztauglich abgeschoben werden? Ich rief bei der Sicherheitsdirektion an und fragte, ob denn nun die Frist abgelaufen sei und ich mich endlich einbürgern dürfe. Leider nein, lautet die Antwort, denn die Frist begann erst ab der Verurteilung zu laufen, rund eineinhalb Jahre später. 2018 darf ich erneut beantragen.

 

Ich lebe seit einem Vierteljahrhundert in Baselbiet, mein Sohn wurde hier geboren, ich habe niemals in Deutschland gearbeitet, aber dort studiert, ich kenne die Schweizer Politik so gut wie jedes Waldstück im Baselbiet, Ammel ist meine Heimat, ein Leben ohne meine Freunde und das Dorf möchte ich mir nicht vorstellen. Zudem bin ich ein nicht mehr verpflanzbarer Hybrid: In Deutschland falle ich durch ein merkwürdig mittelalterliches Hochdeutsch auf, ich bin weniger durchsetzungsstark und bedächtiger als meine Landsleute geworden, politisch singe ich ständig das Hohelied auf die direkte Demokratie. Kurz: ich bin unumkehrbar verschweizert.

 

Seit ich vor rund 20 Jahren meine Diplomarbeit über die Ursachen für die EWR-Entscheidung geschrieben habe, bin ich unrettbar verliebt in die direkte Demokratie. Bei aller Lamentiererei über Kleinkram gilt: Dank der direkten Demokratie lebt die Zivilgesellschaft. Sie wehrt sich, wenn eine Gruppe das Land aus den Fugen treiben will. Auch wenn viele nur zuschauen, es lässt niemanden unberührt. Die Schweiz ist immer noch das Land, in dem sich sehr viele Menschen für den gemeinsamen Willen verantwortlich fühlen. Die Jungen von der Operation Libero wollten nicht zusehen, wie man die Bevölkerung spaltet, die Richter wollen nicht, dass man die Verfassung vergewaltigt. Überall sind Leute aufgestanden und haben sich gewehrt. Die Willensnation Schweiz hat sich durchgesetzt, aber sie wurde nicht dazu gezwungen. Ein deutscher Lyriker hat geschrieben: „Wir sichern uns die Heimat nicht durch den Ort, sondern durch die Art, wie wir leben.“ Das Zitat werde ich 2018 meiner nächsten Begründung für meine Einbürgerung voranstellen.