Meine Welt | VS Nr. 87 | 2015 

Spielen ist auch Arbeit

 

Mein Sohn Aaron hat die Sommerferien dazu benutzt, mich weiterzubilden, indem er mir die Welt aus seiner Sicht erklärte. Hier sein Ergebnis: Mütter wie ich sind eine sinnvolle Einrichtung, wenn sie sich darauf beschränken, neben ihrem Beruf den Job als Backoffice der Familie ernst zu nehmen.

Das heisst konkret: Entlastung des Kindes auf der ganzen Linie und ja, auch des Papas. Denn der muss abends frei von jeder Ablenkung dem Kind zuhören können, wenn es sich über Mamas üble Erziehung beschweren muss. Denn leider bin ich weit von Aarons Idealbild entfernt. Statt ihm alle Wünsche vom Gesicht abzulesen, bestehe ich auf tatkräftige Mithilfe im Haushalt. «Wegschlawinern» hat automatischen Entzug des iPods zur Folge. An dieser Stelle geht mein Dank an Apple. Der iPod-Entzug ist als Erziehungsmassnahme schlicht nicht zu toppen.

Weitere Bedrohungen von Aarons Lebens­qualität: Aufräumen, Rasenmähen und die Erziehungsleier nach dem «Wenn-Dann-Prinzip»: «Wenn du heute in der Schule lernst, dann hast du morgen mehr Möglichkeiten im Beruf.» «Wenn du dich im Job anstrengst, hast du später mal ein gutes Einkommen.» Für Aaron steckt im «Wenn-Dann» ein Denkfehler, den nur Erwachsene machen. Denn die versteckte Botschaft dahinter lautet: «Dann wirst du glücklich.»

Kinder sind aber jetzt, heute und hier glücklich oder unglücklich. Nicht erst morgen, nachdem sie A gemacht haben, um B zu ­erreichen, um endlich an C zu gelangen oder herauszufinden, dass C gar nie funktionieren wird. Aus Kindersicht wollen Erwachsene sie ständig dazu verleiten, sich mit ihnen im Wenn-
Dann-Hamsterrad zu drehen und dabei das «Jetzt» aus den Augen zu verlieren.

Aaron ist zum Beispiel glücklich, wenn er den Tag konsequent dafür nutzen kann, zu spielen. Aus dieser Optik geht mindestens eine Viertelstunde für die nutzlose Tätigkeit des Zähneputzens drauf, wenn noch Duschen und Händewaschen dazukommt, wird es endlos. Essen kann drei Stunden verschlingen, aber total unwichtig sein, es sei denn, es geht um Pizza oder Hamburger. Gesunde Nahrung muss heimlich an den Hund ver­füttert oder sonst aufwendig entsorgt werden. Das Strafrisiko ist erheblich und kann die Spielzeit durch Zusatzarbeiten im Haushalt sprichwörtlich aufsaugen. Dabei entspricht der normale Schulalltag eines 12-Jährigen bereits locker einem 70 Prozent-Pensum. Einzig Fussballspielen kann bei diesem Stressniveau noch helfen.

 

Schliesslich fühlt sich mein Sohn in seiner Berufung zum Spieler von mir nicht ausreichend wertgeschätzt: Eine Riesenkiste Lego in ein interstellares Kampffeld umzubauen, sei sein Beitrag an die familiäre Harmonie. Ein Kind, das spielt, nervt nicht. Bleibt die Frage, wie ich als Störfaktor neutralisiert werden kann. Mein Sohn findet, ich störe am wenigsten, wenn ich arbeite. Gern auch im heimischen Büro, während er spielt, denn dann bin ich glücklich, weil beschäftigt, nerve nicht und alle haben ihren Frieden.