Meine Welt | VS Nr. 27   | 2015 

Schwer erziehbar

Grüezi, mein Name ist Gavo. Ich schreibe anstelle der Frau, die hier sonst ihre Ansichten zum Besten gibt. Die liegt vergrippt in der Fieberkurve. Ich bin zwar bloss der Hund, aber ich habe als Einziger den GRexit geschafft, von dem alle anderen nur reden: Ich habe mich Meiner und ihrer Familie in Kreta effektvoll vors Auto geworfen und ­dafür gesorgt, dass sie mich in die Schweiz nachholen. Bis dahin war ich Strassenhund.

Nun bin ich Privathund in eurem Land der fetten Würste. Schön ist es, aber eure Regeln sind ein Integrationshindernis: War es gestern noch egal, ob ich Katzen jage, muss ich heute ertragen, dass mir diese ­hinterlistigen Krallenträger unter der Nase durchstreichen. Dabei würde manch einer Katze eine Runde um die vier Ecken allein gewichtsmässig schon guttun. Kurz nach meiner Ankunft habe ich mir nach alter ­Gewohnheit ein Huhn geschnappt. Ui, hat Meine da Sprünge gemacht! Seither lasse ich Federvieh in Ruhe, wer riskiert schon die Gesundheit seiner Futterquelle? Ausserdem hat sie mir ein Gummihuhn gekauft. Ihr nennt so was Spielzeug, ich nenne es Luxus.

Luxus sind auch eure Hundeschulen. Da darf man nach Anleitung spielen und wird dafür mit Futter belohnt! Wenn meine Kumpels aus Kreta das wüssten, sähe man das Mittelmeer nicht mehr vor lauter schwimmenden Hunden. Wenn man über eine Rampe klettert, flippt ihr total aus, wenn man sich vor euch hinsetzt und eigentlich einfach bettelt, findet ihr das süss! Leider gibt es immer ein Riesengeschrei, wenn man sich mal aus seinem Halsband herausdrückt. Selber schuld, wenn ihr immer ­mitkommen wollt. Wir könnten nämlich auch allein spazieren gehen. Und dass ihr uns beim Geschäftmachen nicht nur zuschaut, sondern das Ergebnis auch noch in Säcke sammelt, werde ich nie verstehen.

Mein Freund Spikey, ein Hofhund mit grosser Menschenkenntnis, hat mir erklärt, dass Komplettüberwachung bei euch zum System gehört und, dass man sich als Hund seine kleinen Freiheiten nehmen muss. Alles beginne mit der richtigen Erziehung des Menschen. Da stehe ich erst am Anfang, denn Meine teilt mich mit zwei anderen Frauen und alle drei sind schwer erziehbar: Der Lustigen versuchte ich am Anfang ­klarzumachen, dass ich Angst vor fast zwei Meter grossen Eseln habe. Erfolglos. Heute bin ich stolz, dass ich neben den Grosseseln flitzen kann. Die sind auch viel schneller als die auf Kreta. Und wenn mich Meine und die Lustige wieder mal erziehen wollen, haue ich ab zur Lieblichen.

 

Auf die Menschenwelpen passe ich gern auf, denn die wissen im Gegensatz zu den Erwachsenen noch, wie man sich im Rudel benimmt. Die Grossen loben mich dann. Sie wissen nicht, dass auf der Strasse jedes nicht soziale Verhalten einfach nur meine Überlebenschancen verringert hätte. Immerhin wird mir meine Arbeit durch den Kasten mit den bunten Bildern erleichtert. Aus dem lernen meine Besitzerinnen gerade, dass die Griechen schwer erziehbar sind.