Meine Welt | VS Nr. 44 | 2015 

Die BaZ, der Katastrophentourismus und ich

 

Es ist passiert. Glauben Sie mir, geneigter Leser, ich war nicht darauf gefasst. Am Abend vorher war der tragische Absturz 
der Germanwings-Maschine das TV-Thema und auch ich schaltete mich zu. Ich sah Frau Merkel, Herrn Hollande und Señor Rajoy mitten auf dem Feld, umringt von den Sicherheitsleuten und Politpersonal, das einfach dazugehört, wenn die Mächtigen der Welt sich treffen. Und sie treffen sich immer häufiger aus tragischem Anlass, siehe Charly Hebdo. In diesem Fall schlugen die Aussenminister schon am Absturztag auf und noch bevor die Angehörigen vor Ort eintrafen, klärten die «präsidialen» Staatsoberhäupter die ­Betroffenheit ab.

Da ist es passiert, dass ich mit dem BaZ-Journalisten Hansjörg Müller einig war. In seiner Kolumne unterschied er Gesten aufrichtigen Mitleids und gebotener Zurück­haltung von dem politischen Katastrophentourismus, der drei Staatsoberhäupter an den Unglücksort führt, wo ihre Entourage die wahren Helfer einfach nur behindert. Herr Müller und ich sind uns in der Beurteilung dieses Aktionismus vollkommen einig. Ich ­zitiere: «Derartige PR-Stunts sind … ein peinliches Sich-hinein-Drängen in das Leid fremder Menschen und in die Fernsehbildschirme, ein deplatzierter Akt, der keinen Sinn hat und keinen Zweck erfüllt – ausser dem der Selbstdarstellung.»

Herr Müller vergisst dabei, dass die Medien diesen fatalen Hang zur politischen Selbstdarstellung durchaus gefördert haben. Frei nach dem Motto «Weg von den Inhalten». Wenn der Bundesrat sich zu einer Retraite in Fribourg versammelt (den obligatorischen Appell an die Mehrsprachigkeit und den ­gegenseitigen Respekt im Land inklusive), nutzt er natürlich ausserdem die Gelegenheit, um sich medienwirksam unters gemeine Volk zu mischen. Die Botschaft: «Wir sind volksnah!» Und natürlich wird er vom Gratis-Blick liebend gerne bildlich und textlich so in Szene gesetzt. Es ist Boulevard-Journalismus im sprichwörtlichen Sinne …

 

Daher nun also mein Aufruf an Sie, liebe Leserinnen und Leser. Denn Sie bezahlen diese Politik und sind also weisungsberechtigt: «Holt die Politiker von der Strasse und zurück in die Ämter und Parlamente.» Angela hat sich aus einer wichtigen Bundestagssitzung davon­gestohlen mit der Begründung «Die bestimmt die Agenda». Hat sie vor Ort Trost spenden können, als die Angehörigen der Opfer noch gar nicht da waren? Nein, und es ist auch nur bedingt, was der Bürger von ihr braucht. Vielmehr ist ihr Job derzeit, den Euro zu ­retten, die Menschen aus der Hartz-Abhängigkeit zu erlösen und Putin zur Räson zu bringen. Die Inszenierung als mittelalterliche Heerführer steht nicht im Arbeitsvertrag. Alle, die denken, das sei auch ihr Job, seien daran erinnert, dass schon Karl V. heldenhafte Selbstdarstellung für Propagandazwecke ­betrieben hat. Aber der aufgeklärte Souverän von heute erwartet Authentizität und kons­truktive Lösungen, nicht den Rückfall ins Mittelalter.