Meine Welt | VS Nr. . | 2015 

Die andere Hälfte

 

Der Ärger ist Programm. Pünktlich nach ­jeder Abstimmung ärgert sich mindestens eine Hälfte der Stimmbürger über die andere, weil «die e totale Chaabis abgstimmt häi. Jä, und die chäibe Politiker mache jo äinewääg, was sii wäi.» So oder ähnlich tönt es dann jeweils zuverlässig auch von jener Mehrheit, die nicht an der Urne war. Die Stimmbeteiligung lässt zu wünschen übrig. Durchschnittlich 43 Prozent der Stimmberechtigten nutzen seit 1990 ihr Stimmrecht. Die Folge: Wenn eine Hälfte das Spielfeld gar nicht erst betritt, kann ein Anliegen leichter durchgesetzt oder abgeschmettert werden.

Dasselbe gilt auch für die Politiker. Wir wählen sie, damit sie Lösungen für uns finden und aushandeln. Wenn wir sie ständig verunglimpfen, ohne über ihre Vorlagen abzustimmen, ist es verständlich, wenn sie uns langsam ausgehen. Wie sähe gesellschaftliche Willensfindung – also Politik – aus, gäbe es nicht Menschen, die das Gemeinwohl in Lösungen übersetzen, statt sich zu enthalten?

Nehmen wir die tägliche Telefonbeläs­tigung durch Krankenkassenvermittler. Sie wollen uns Einsparungen bei den Prämien schmackhaft machen, denn die Prämien steigen jedes Jahr. Das liegt nicht zuletzt ­daran, dass viele Versuche der Politiker, ­Kosten zu senken, an der Urne gescheitert sind. Die freie Arztwahl hat sich als ebenso sakrosankt erwiesen wie die Tatsache, dass jeder Bürger auf seinem örtlichen Spital mit AA+-Ausstattung besteht. Aber natürlich hält auch eine Allianz aus interessierten Kreisen den Wettbewerb unter den Krankenkassen hoch. Weshalb die Kassen jährlich um Sie, den Versicherten, feilschen. Wenn Sie jung und gesund sind, sind Sie ein gutes Risiko, wenn sie alt und krank sind, ein schlechtes.

Als Gesellschaft bezahlen wir aber zusammen für unsere Krankheitskosten. Weil die Kranken zwischen den Kassen unterschiedlich verteilt sind, gleichen diese die Unterschiede untereinander aus. Kassen mit vielen guten Risiken zahlen in einen Fonds ein, aus dem Kassen mit vielen schlechten Risiken Kompensationen erhalten. Rund­herum existiert eine Flut von Regeln, damit die ­Kassen nicht falsch spielen und der risiko­behaftete Patient nicht übers Ohr ­gehauen wird. Am Ende bleibt alles gleich: Wir werden alle gesünder älter und der mit riesigem Aufwand betriebene Wettbewerb ist ein Nullsummenspiel, das den Bürger kostet. Nämlich Telefonzeit und Prämiengeld.

 

Die Einheitskasse wäre die logische Folge unseres Entscheids gewesen, Gesundheit, Alter und Armut als Gemeinschaft zu tragen. Mit 46 Prozent war nicht mal die Hälfte der Stimmberechtigten an der Urne, 69 Prozent von diesen warfen Nein ein. Und dabei steht schon in der Bundesverfassung: «Das Schweizervolk und die Kantone … ­gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht … geben sich folgende Ver­fassung …» Frei ist wirklich nur, wer seine Freiheit gebraucht. Denken Sie dran, wenn im Herbst die Wahlen anstehen. Entscheiden Sie mit.