Meine Welt | VS Nr. 4 | 2014 

Zynismus ist Luxus

Ich begrüsse sie zum Jahr 2014, in dem es der Schweiz weiterhin hervorragend gehen wird. Das ist weder politisch noch ökonomisch eine Risikoprognose.

 

Man kann diese Begrüssung aber als aktiven Widerstand auslegen. Gegenüber einer Haltung, wie sie sich in Teilen der Elite dieses Landes manifestiert: Zynismus ist politisch schick geworden. Zynismus muss man sich aber leisten können. Materiell und inhaltlich: Wie gerne werden dann auch Worte wie „Leistung“ und „liberal“ schlicht zweckentfremdet. Für eine dauerkritische Nabelschau, die zuverlässig die Schweiz in allen Leistungsrankings als Volkswirtschaft ganz vorne hält. Vielleicht käme bei einer sachlichen Selbstbeurteilung zu viel Bequemlichkeit auf.

 

Der klassische Polit-Zyniker tendiert dazu, die Vergangenheit zu glorifizieren. Interessanterweise ist der Typus selbst rund 50 Jahre alt, vorzugsweise konservativ bis liberal in seiner Selbsteinschätzung und überdies eher männlich, Unternehmer oder Gewerbler. Die Besorgtheit dieses Bürgertyps lautet verkürzt so: „Die guten Zeiten sind vorbei, der Wohlstand ist bedroht, wir sind politisch ineffizient, wirtschaftlich stehen uns harte Zeiten bevor. Die rituell angebotene Lösung wird selten differenziert: Wir müssen wieder liberal werden, uns auf unsere Fähigkeiten (rück-)besinnen, innovativ sein, Leistung muss sich wieder lohnen, Eigeninitiative gefördert werden, der Staat entlastet, die Bürokratie abgebaut. Kurz: Wenn wir so weitermachen wie bisher, stürzen wir in einen ökonomischen und sozialen Abgrund.

 

Würde ich im Sudan oder Syrien leben, sähe ich das auch so. Wenn ich Zeit dazu hätte. Denn dort wäre ich wohl vor allem damit beschäftigt, mein schieres Überleben zu sichern oder das meiner Kinder, Freunde etc. Wäre ich eigeninitiativ genug, würde ich vielleicht darauf kommen, in eines dieser Boote steigen zu wollen, das mir eine winzige Chance auf ein Auskommen bietet. Ich würde, glaube ich, alles tun, damit sich meine Leistung lohnt und ich mich auf meine Fähigkeiten besinnen dürfte, ohne dass mich korrupte Politiker ausbeuten. Ich würde die Schweiz anpeilen. Allen Zynikern zum Trotz wird sie auch 2014 eine Insel mit Problemen sein, die andere gerne hätten. Sitzungsgelder von 500 Franken beispielsweise. Ein Land, indem eine Regierung Strafanzeige gegen sich selbst erstatten kann, ohne geschlossen zurücktreten zu müssen. Ok, vielleicht würde ich da als Sudanesin ein bisschen Angst kriegen…

 

Liberalismus wird definiert als die Freiheit des Individuums vornehmlich gegenüber staatlicher Gewalt. Als Sudanesin wäre ich definitiv ratlos, wenn sich in diesem Land jene, die mitentscheiden können, mehr Liberalität verordnen. Nirgendwo auf der Welt übersetzt sich Leistung in derartige Einkommen wie in der Schweiz. Ich wäre stolz darauf und würde eher schauen, dass wir liberal bleiben können, ohne ständig liberalisieren zu müssen. Das ist entschieden schwieriger als banaler Zynismus, aber eigentlich der Luxus, den es zu wahren gilt.