Meine Welt | VS Nr. 34 | 2014 

Ski-Kulturen

Selten bekommt man einen tieferen Einblick in die Kultur des europäischen Völkergemischs als bei einem Skiurlaub. Der Schweizer an meiner Seite musste durch ein paar harte Tage perfekt durchorganisierten Massenskitourismus im Zillertal. Denn die Frühbucher in der Heimat hatten uns wieder einmal überholt.


Im Skiverleih mit dem Ausmass eines mittleren Kaufhauses wurden wir darauf hingewiesen, dass man um 7.30 Uhr an der Gondel sein müsse, sonst stehe man defi­nitiv im Stau. Als wir am nächsten Tag um 11 Uhr noch ganz entspannt im Skigebiet ankamen, hatten Deutschland und Holland das Gebiet bereits fest im Griff. Denn wie mich ein Landsmann in der gewohnt jovialen Art unaufgefordert aufklärte, gewinnt nur, wer den Tag schon im Morgengrauen beginnt. Zähneknirschend überlege ich, inwieweit genau diese Art von fraternisierender Aufklärungsfreude das Nein zur Masseneinwanderungs-Initiative befördert hat. Urlaub gleich spätes Aufstehen? Aber nicht doch.


Auf den nächsten Lift steige ich mit vier Sachsen auf Skipremiere. Beim Einsteigen verhaken sich acht Skier in, um und unter den Sicherheitsbügel. Als ich die Neulinge 100 Meter über dem Abgrund entwirre, entdecken sie Schneeschuhwanderer, die beharrlich den Berg hinaufsteigen. «Dat glooob isch ja nisch, was mache die denn sooweid von der Piste entfernt?»
Die nächste Gondel besteige ich mit zwei bayerischen Teenagern. Nun war ich schon immer der Ansicht, dass die Welt in Bayern eigentlich zu Ende ist. Schliesslich waren sie als einziges Bundesland gegen die Wiedervereinigung. Aber auf diesen Dialog hat mich nichts vorbereitet: Bub 1: «… Die Schwester vom Sepp lebt in London, die hot schtudirrrt.» Nummer 2: «Joh und wos mocht sie in London? A joa, Änglischlehrerin wirds sein.» Nummer 1: «Naa, die Engländer könnens doch alle scho Äänglisch, do muess doch kei Daitschi ener Änglisch beibringa.»


Zwischen diesen lehrreichen Episoden befinden wir uns im Nahkampf auf der Piste. Denn fünf Lifte liefern wie ein Fliessband tonnenweise Flachlandbewohner mit zu schnellen Carving-Skiern auf zwei Autobahn­pisten aus. Da Skifahrer heutzutage alle rundumverpackt sind, sehen sie aus wie ­lustige Insekten, die sich entweder über die Berghänge ergiessen oder an den Liften ­stapeln. Unterscheiden kann man einzig die Holländer wegen ihrer Grösse und weil sie immer in Gruppen auftreten. Ein grosses Volk aus einem zu kleinen Land. Deshalb muss ein Teil von ihnen immer im Ausland sein. Vorzugsweise auf deutschen Autobahnen, ausgestattet mit fahrenden Häusern. Denn auch die Deutschen pflegen ihre kleinen, traditionellen Animositäten.


Die Holländer stört das gar nicht. Sie ­stehen auch im Zillertal völlig entspannt im Wege herum, wenn man parkieren will, drängeln an den Liften und sind auch dann noch gut gelaunt, wenn sie einem über die Skier fallen. Und so findet mein gebeutelter Schweizer im Dichtestress: «Netherlands zero Points.»