Meine Welt | VS Nr. 79 | 2014 

Offener Brief des Europameisters

 

Liebe Europäer! Wir Eidgenossen sind der neue Europameister. Nicht nur, weil wir die meisten Volksabstimmungen abhalten. Sondern weil viele von euch bewundern, wie wir auf diese Weise Europa den Meister gezeigt haben. Nur Mut: Selber regieren ist einfacher, als es aussieht! Aber es braucht Durchhaltevermögen, bis ihr hören werdet: Der Souverän hat entschieden, wir setzen den Volkswillen um.

 

Erste Lektion: Häufig muss man die Mann­schaft nach vielen Jahren Umsetzungs­arbeit zurück an den Schreibtisch und in die Kommissionen schicken. Weil das Ergebnis nicht das ist, was wir haben wollen.
Zweite Lektion: Seid grosszügig! Wir ­finden ja, der Staat sollte bescheiden bleiben, deshalb erfanden wir die Schuldenbremse. Bei wichtigen Dingen sollte man aber Leine lassen: Wir geben Geld für die Finanzierung und den Ausbau unserer Bahnen und sogar für die Ostzusammenarbeit mit euch. Dann und wann liegt auch mal eine Versicherung drin. Das bezahlt man als Souverän aber nicht mit einer 36-Stunden-Woche! Dafür haben wir extra eine zusätzliche Ferien­woche und Mindestlöhne ausgeschlagen.
Dritte Lektion: Aussenpolitisch aufpassen, dass die rührigen Angestellten nicht zu stark fraternisieren. Das wird auf Dauer nur kompliziert. Das beste Beispiel sind unsere deutschen Nachbarn. Erst stürmen sie wegen dem Flughafen, dann wollen sie uns die ­Kavallerie rüberschicken, weil sie wieder mal pleite sind und da sollen wir über erleichterte Einbürgerungsverfahren nachdenken? Nein, wer in der ersten Liga spielen will, muss erst Abstimmungsregeln lernen. Wir sind ein ­exklusives Land; im wahrsten Sinne des Wortes «ausschliesslich».
Natürlich ist es schade, wenn man die Regierenden enttäuschen muss. Schliesslich arbeiten unsere Vertreter ja für uns, wie man hört, nahezu 24 Stunden an 364 Tagen im Jahr. Kein Wunder produzieren müde ­Politiker auch mal schlechte Vorlagen. Mit Besorgnis verfolgten wir, wie Burkhalter zähneknirschend die Annahme der Massen­einwanderungs-Initiative verkündete und die Delamuraz’schen Tränen nach dem versenkten EWR haben uns natürlich gerührt.
Trotzdem, vierte Lektion: Solidaritäts­bekundungen mit der unterlegenen Minderheit gehen zu weit. Wir wollen schliesslich nicht, dass unsere Beamten anfangen zu tricksen, etwa indem sie sich Europa zu Hilfe holen. Denn eure Politiker schieben die Schuld für alles, was sie ohne eure Erlaubnis tun, Brüsseler Sachzwängen zu. Unsere Politiker wollen das sicher auch, die Romands stehen diesbezüglich unter Generalverdacht.
Deshalb die fünfte Lektion: Klarmachen, wer der Schiedsrichter ist. Wir haben die Ab­zockerei verboten, aber Lohn im Verhältnis 1:12 abgelehnt. Das kommt gut, denn in der Eidgenossenschaft arbeiten wir mit Augenmass. Viel Erfolg bei der Umerziehung eurer Politiker! Keine Sorge, es ist nie zu spät!
Eure Eidgenossen!