Meine Welt | VS Nr. 50 | 2014 

Glaubenspannen

«Schatz, denk daran, dass morgen Karfreitag ist. Die ganze Familie isst morgen kein Fleisch.» Die Nachricht kommt vom katholischen Hausherrn. Er ist einer von den Katholiken, die vor allem durch Inkonsequenz auffallen und damit meine Überzeugung bestätigen, dass der nächste Untergang von Rom kurz bevorsteht.

 

Wir treten die Reise zu meinem Vater nach Frankfurt an und also wird ein Restaurant gebucht, in dem es Forelle blau gibt. Der Einkauf des Reiseproviants wird durch den Gedanken abgelenkt: Ziviler Widerstand muss sein. Immerhin bin ich aus der Kirche ausgetreten, unser Sohn ist ein frei schwebendes Elementarteilchen zwischen den Konfessionen. Trotz Verhandlungen konnten hier noch keine befriedigenden Ergebnisse erzielt werden. Es geht um Terrainverteidigung in Glaubensfragen. Warum sollen wir also Fisch essen, wenn wir eigentlich Protestanten wären?

Das Familienoberhaupt arbeitet vor der Abfahrt an den Proviantschnittli wie an seinen Argumenten: «Immer entscheiden wir ­zusammen, was es zu essen gibt, aber am ­Karfreitag kannst du doch einmal etwas tun, was mir wichtig ist, auch wenn du halt verzichten musst.» Ich nenne es die umgekehrte Charmeoffensive. Denn eine Kalkulation ergibt, dass er, übers Jahr betrachtet, ständig zu meinen Gunsten Abstriche vornimmt. Aus seiner Sicht sollte man den Garten zubetonieren, damit er nicht Rasen mähen muss, ich koche ständig Gemüse, obwohl der Mann an 364 Tagen im Jahr glücklich mit Fleisch ohne Beilagen auskäme und ich dekoriere zu sämtlichen religiösen Festen vollkommen unatheistisch alle horizontalen Flächen im Haus mit extrem religiösen Gegenständen.

Nach dieser Überschlagsbilanz über Pflichten und Leistungen in einer Ehe, die seit Jahren nicht geschlossen wird, weil wir uns auf die Konfession nicht einigen können, entscheide ich mich konsequent für Toleranz. Eine Gabe, von der ich glaube, dass sie kriegsverhindernd wirkt – im Grossen wie im Kleinen. Toleranz ist überdies ein Thema, in dem die katholische Kirche meines Erachtens Nachholbedarf hat. Also fange ich schon mal an der Basis an. 

Die Fahrt dauert ohne Stau dreieinhalb Stunden, aber natürlich stecken wir zuverlässig schon in der ersten Stunde fest. Also werden die Schnittli ausgepackt und auf die Schweizer geschimpft, die mit 100 km/h 

die linke Spur verstopfen. Eine gute Stunde später sind die Schnittli im Magen und ich putze weiter unverdrossen die linke Spur frei, als der Patron zusammensackt: «Das darf nicht wahr sein.» Ich fühle mich unschuldig wie selten in meiner befleckten Verkehrsbiografie und betone, dass ich nicht zu dicht auffahre. 

«Ich ha es Salamisilserli gässe.» 

«Versteh ich jetzt nicht.» Ein Seufzen 

neben mir: «Natürlich verstehst du das nicht.» Nun trifft mich die Erleuchtung ­anderer Art: Mein Mitleiden ist trotz einem unangebrachten Heiterkeitsanfall grenzenlos. Nächstes Jahr muss ich einfach besser auf uns achten.