Meine Welt | VS Nr. 94 | 2014 

Alt werden als Kunst

 

Ich bin jetzt 45 Jahre alt. Die Diskussionen mit Freunden beim Abendessen drehen sich immer häufiger um die Zipperlein. Wie soll ich bloss anständig alt werden, wo ich noch nicht mal gelernt habe, erwachsen zu werden? Der mediale Jugendwahn hat mich jedenfalls nicht darauf vorbereitet. Ich scheitere ja ­bereits dort, wo ein gleichaltriger, natürlich männlicher Kollege um Jahre jünger aussieht, und das besonders dann, wenn ich mich ­gerade mal eben wieder 100-jährig fühle. 

 

Es gibt aber auch Pippi-Langstrumpf- Tage, an denen Frau den zivilen Ungehorsam gegen den elend humorfreien Alltag probt. Die meisten Leute in meinem Alter werden grässlich ernst und dauerbesorgt. Nun, wenn man sich lange genug über Rückenprobleme austauscht, vergeht einem halt das Kalauern. Ausserdem sind wir mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht noch einmal so lange auf Erden, wie wir bereits hier sind. Grund genug für eine anständige Mitte-des-Lebens-Krise.

Die Toleranz nimmt übrigens im Alter eher ab. Dabei könnten wir doch so viel ­unaufgeregter werden. Vieles erledigt sich ja von selbst – sozusagen biologisch – mit dem Altern. Schliesslich baden die Jungen unsere  Altlasten aus, wir haben damit in unserer Restlebenszeit nur noch bedingt zu tun. Viele unserer Errungenschaften werden sie aber nicht mehr haben. Angefangen bei der gesicherten Altersvorsorge bis hin zu ­bezahlbarer Krankenversorgung. Dafür ­erben sie alle Risiken, angefangen mit den Nebenwirkungen der Multikultigesellschaft – Masseneinwanderungs-Initiative hin oder her – bis hin zu den Atomkraftwerken. Sie werden mit Terroristen leben müssen, die ­ihren Nachwuchs aus ganzen Generationen von Kindern rekrutieren können, die nur den Krieg kennen. 

Etwas Gutes hinterlassen wir den Jungen: das Internet mit allen Vor- und Nachteilen. Neulich erklärte mir ein junger Kollege Google Scholar, ein Anwendungsprogramm, in dem man als Wissenschaftler danach aufgerechnet wird, wie oft man von Kollegen zitiert wurde. Ich kannte es natürlich nicht, obwohl ich darin vorkam. Beschwichtigend legte mir der Kollege die Hand auf die Schulter: «Petra, du kannst mir dafür sicher erklären, wie eine Bibliothek funktioniert …» 

Mein ewig jugendlicher Altersgenosse findet, der Umgang mit den Jungen hielte uns selbst jung. Ein bisschen Hoffnung gibt mir das schon. Der Mann hat schliesslich ­Erfahrung. Seine neuste Freundin ist satte 20 Jahre jünger. 

Fazit: Alles geht, wie beruhigend. Also ziehe ich weiterhin meine orangen Strumpfhosen der Perlenkette vor, verachte Werbung gegen Falten als Beleidigung meines Intellekts, reite, bis ich nicht mehr aufs Pferd komme, und kaufe mir eine Brille, um den Durchblick zu behalten. Meine Strategie für souveränes Altern: Möglichst viel Galgenhumor ent­wickeln, wenig nerven und ausschliesslich auf Nachfrage belehren. Mal schauen, ob ichs durchhalte. Meine Kinder werden es mir jedenfalls in Echtzeit mitteilen.