Meine Welt | Volksstimme Nr. 124

Wir oder sie?

Kürzlich hatte ich das Vergnügen, einen hochrangigen Vertreter einer grossen Bank mit Schweizer Wurzeln reden zu hören. 

Der Mann hinterliess mich sprachlos. Bisher dachte ich immer, die Wirtschaft sei da, um den Menschen ein gutes Auskommen zu ermöglichen.

Aber es ist offenbar umgekehrt: Nicht das Wirtschaftssystem ist für uns da, sondern wir für die Wirtschaft. Ohne Not erklärte der besagte Vertreter der Finanzwelt einer Schar von 300 Überrumpelten, dass wir die Zeichen der Zeit nicht erkennen. Die Zeichen der Zeit sind Millionen von Chinesen, die unseren Standortvorsprung infrage stellen, weil sie schneller, besser gebildet und hungrig auf unseren Lebensstandard sind. Mit anderen Worten: Sie arbeiten viel für wenig Geld und machen praktisch nie Urlaub. Und sie kommen, uns aus unserer Trägheit zu erlösen.

Wer aber ist «wir»? Schliesslich haben Sie und ich uns – soweit ich weiss – nicht mit Wetten auf irgendwelche Legohypo­thekenprodukte gerade erst in die jüngste Krise getrieben, die eine gigantische Summe an Werten vernichtet hat. Wir haben in ­derselben Zeit gearbeitet und Werte produziert. Aber keine Sorge: Noch sind wir nicht Griechenland, wo dank der Finanzkrise nun so gespart wird, dass Arbeitsplätze verloren gehen und die nächste Generation gar keine Jobs mehr kriegen wird. Und wenn Sie bei einer Bank angestellt sind, sorgen Sie sich ebenfalls nicht: Die Bank wird höchstwahrscheinlich gerettet, ihr Arbeitsplatz vielleicht auch. Schliesslich zahlen Sie ja auch. Nämlich in Ihrer Eigenschaft als Steuerzahler und das macht Sie systemrelevant.

Denn hier kommt die gute Nachricht: Gefährdet und träge wie Sie sind, sind Sie dennoch erstaunlicherweise das Rückgrat der globalen Wirtschaft. Ohne Sie geht gar nichts und deswegen werden Sie auch von der Werbung wie von der Hochfinanz in die Mangel genommen. Sie und ich sind der ­sogenannte Inlandkonsum. Sie halten über ihren Lohn und ergo ihren Konsum die hiesige Nachfrage aufrecht, wenn die Exportmöglichkeiten einbrechen, zum Beispiel weil die USA einen Haushaltsstreit austragen oder Euroland seine Währung retten muss. Dann nämlich verlassen sich alle Ökonomen, ­Wirtschaftsführer und Chinesen darauf, dass Sie und ich noch Geld haben, um Güter und Dienstleistungen nachzufragen. Ohne uns kein Umsatz für die Unternehmen, keine Investitionen, kein Sparen und Anlegen, also Krise.

 

Denken Sie daran, eine Lohnerhöhung zu beantragen! Denn eins ist sicher: Preise, Prämien und Steuern steigen. Schliesslich will der Staat ja auch noch was zu knabbern haben. Übrigens: Die USA haben zwar ihren Haushaltsstreit gelöst. Die Verschuldungsobergrenze wurde dafür aber erneut nach oben verschoben. Was meinen Sie, wer das in einer globalisierten Wirtschaft, in der alles miteinander verhängt ist, ausbaden muss? Genau. Sie und ich. Der Steine werfende Banker aus dem Glashaus jedenfalls nur sehr bedingt.