Meine Welt | Volksstimme Nr. 82

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«Kompetent, ehrlich, verantwortungs­bewusst». Verehrte Leserinnen und Leser, was denken Sie, wenn Sie das lesen? Richtig, es geht um Politwerbung. Und nun eine kleine Denksportaufgabe, quasi in Würdigung des langen Wahlkampfes, der gerade
hinter uns liegt: Welchem Volksvertreter sind diese Eigenschaften zuzuschreiben? Lauber? Nussbaumer? Weber? Oder der nord­westschweizerischen Version des ­Obama, Mr. Thomi Jourdan?
Da haben wir es. Sie können sich nicht erinnern! Das sollten Sie aber, denn schliesslich wird für diese Art origineller Politwerbung ein Haufen Geld ausgegeben. Zudem wird diese plakative Weiterbildung mit wenigen Ausrutschern auch inländisch erwirtschaftet. Und das alles, meine Damen und Herren, um Ihnen bewusst zu machen, welcher Kandidat Sie als Steuerzahler, Stimmbürger, Arbeit- oder Unternehmer am besten vertritt.
Eigentlich ist klar, dass jeder Politiker mit diesen Wertefloskeln beschrieben werden kann. Was wollten wir auch mit einem ­«inkompetenten», «verlogenen» und «verantwortungslosen» Politiker? Auszuschliessen ist es zwar nie. Aber warum drischt man mit diesen Werten um sich, wenn es stattdessen um Kompetenz und Sachverstand gehen sollte? Der Bürger wird behandelt, als habe er die Aufmerksamkeitsspanne einer Stuben­fliege. Wieso sonst sollte man sämtliche Kantonsstrassen mit Plakaten garnieren,
bei denen sich die Gegner in schönster ­Regelmässigkeit alle fünf Meter abwechseln?
In der schweizerischen Politwerbung scheint es keine Rolle zu spielen, was für Sachkenntnisse der Kandidat allenfalls haben könnte. Nicht, dass Deutschland hier auch nur eine Spur besser wäre. Da wirds derzeit sogar richtig verwirrend: Wir sehen die Kanzlerin massiv verjüngt, aber mit ihrer ­allseits bekannten Pastorengeste im fass­förmig geschnittenen, SPD-roten Kostüm. Daneben drei Häkchen in den Kästchen «Dafür», «Dagegen» und «CDU». Oben links die Auflösung des Rätsels: «Eine für alle». Nun, da sind wir als Wähler doch schon dankbar, wenn uns Herr Weber einfach als finanzkompetent angetragen wird.
Alt-Kanzler Helmut Schmidt reagiert ­jeweils eher unwirsch, wenn ihn ein Nachwuchspolitiker darauf anspricht, wie er denn seine Karriere vorangetrieben habe. Jeder Politiker – so Schmidt – sollte vor seiner ­politischen Laufbahn einen «richtigen» Beruf ausgeübt haben und sich anschlies­send um Fachwissen in mindestens einem Themenfeld so bemühen, dass er nicht von den Meinungen sogenannter Experten abhängig wird.
Vielleicht sollten wir in diesem Sinne von unseren Kandidaten noch etwas mehr darüber erfahren, was sie für konkrete Lösungen in konkreten Sachfragen anbieten. So würde der Bürger in seiner Funktion als politischer Auftraggeber wieder ernst genommen und vielleicht käme es ja sogar zu einem ernsthaften Dialog über die Aufgaben. Denn ­ehrlich gesagt, die genannten Werte setze ich schlicht und ergreifend voraus, wenns um meine Wählergunst geht.