Meine Welt | Volksstimme Nr. 109

Riskieren Sie es!

Wissen Sie, warum unsere Kinder sogenannte Wargames lieben, warum Bungee und Base Jumping so grandios im Trend sind?
Weil wir zur Verbotsgesellschaft mutiert sind: Velofahren nur mit Helm, Skifahren nur mit Pistenregeln und Rückenpanzer, im Winter werden unsere Kinder zu laufenden Weihnachtsbäumen aus Leuchtgamaschen. Der frei laufende Bauernhofhund wird zur Gefahr für die kollektive Sicherheit, wegen der Beipackzettel für immer ausgefeiltere Medikamente werden mittlerweile ganze Wälder abgeholzt. Der Schilderwald an den Strassenrändern löst bei mir schon lange ­intellektuelle Überforderung aus, denn Auto fahren sollte ich auch noch nebenbei.
Ich frage Sie, liebe Leserinnen und Leser, wo bleibt da eigentlich noch der Spass? Wo der eigenverantwortliche Umgang mit Risiko, das man pragmatisch selbst einzuschätzen gelernt hat und mit dem man auch total selbstständig umgehen kann? Nirgendwo. Denn unsere Kinder lernen es nicht mehr, weil sie rundum verpackt werden, bevor sie auf ein Skateboard steigen und eine überengagierte Teilzeitmutter sie mit acht Jahren noch zur Schule fährt, weil der Schulweg zu verkehrsreich ist. Auf Bäume klettern, im Wald spielen? Nur korrekt angeseilt im Kletterpark bitte.
Kurzum, wir benehmen uns, als könnten wir alles kontrollieren und hätten alles im Griff. Und falls wir uns dann doch mal spontan entspannen sollten als Gesellschaft, kommt sicher ein besorgter Verwaltungsbeamter oder Politiker und fordert das nächste Verbot. Aber: Der Beamte lebt sozusagen von der Verbotsflut. Der Politiker verströmt damit Verantwor­tungsgefühl und Engagiertheit. Der Bürger hingegen läuft Gefahr, der Einschränkung seiner Handlungs- und Entscheidungsfreiheit tatenlos zuzusehen, bis man im Laufairbag einkaufen gehen muss, Raucher zwangsentwöhnt, Katzen angeleint und werdende Mütter in Welpenschulen für Zweibeiner Kindererziehung antrainiert bekommen. ­Abschluss mit eidgenössischem Fachausweis – versteht sich.
Während wir uns also geordnet langweilen, durchleben wir Gefahren absolut risikofrei im Fernsehen und der Unterhaltungselektronik. Dort geht es dafür dann umso deftiger einher – dank der nicht existierenden Konsequenz.
Die echten Gefahren ignorieren wir: Die zunehmende Anzahl Atommächte, dass Diktatoren wie Putin andere Diktatoren wie Assad kontrollieren wollen, dass Fukushima weiterhin die Weltmeere verpestet, die Klima­erwärmung Millionen von Afrikanern in den Hunger und die Migration zwingt, Krebs­erkrankungen trotz all unserer Vorkehrungen zunehmen und das Bienensterben ­unsere Nahrungsgrundlage zerstören kann.
In der Schweiz gibt es für alles Versicherungen – nur gegen Krisen und Katastrophen helfen sie nicht. Vielleicht sollten wir unsere Kinder wieder mehr aus der virtuellen Schein­welt herausholen und realen Risiken aussetzen, die wir selbst unter Kontrolle halten. Denn noch mehr Adrenalinjunkies braucht die Welt wirklich nicht.