Meine Welt | Volksstimme Nr. 69

Politwirtschaft

Ich bin Politikwissenschaftlerin, mein Mann ist Zimmermann. Das Mischprodukt ist ein autogramm-garnierter Angie-Fan, seit er sie bei einem FC-Bayern-Spiel völlig unbundeskanzlerisch von der Tribüne hat aufjucken sehen. Mein Mann und ich beurteilen Politik etwas anders und selten einvernehmlich. Es folgt ein Auszug aus unserem Politportefeuille:
Wenn Gatte als Oberbaselbieter gegen die Kantonsfusion ist, finde ich das vorsintflutlich. Aus meiner Sicht spart man als ein Kanton nicht nur politisches Personal ein. Man könnte auch endlich mal ernsthaft daran gehen, als geeintes Basel wieder einen ­Bundesratssitz anzustreben! Ich finde uns in Bern skandalös ignoriert: Wir gehen bereits ins 40. Jahr, ohne bei einer Bundesratswahl auch nur in Betracht gezogen worden zu sein. Bundesrat Tschudi (1960–1973) kam aus Basel-Stadt. Von «Schönebuech bis ­Ammel» gab es in der Geschichte der Eid­genossenschaft von 1890 bis 1897 einzig Emil Frey aus Münchenstein.
Der Gatte will kein ländliches Anhängsel an die Stadt werden. Na gut, aber machen wir uns hier nicht etwas vor? Von HarmoS bis zur Spitälerdiskussion zeigt sich doch vor allem eins: Wirtschaftspolitische Alleingänge von Kantonen sind definitiv vorbei, die Kosten werden eh gemeinsam getragen. Letztlich hängt die Identität der Landschaft doch davon ab, ob sie durch die Menschen vor Ort gelebt wird. Daran ändert eine Fusion gar nichts und feindliche Übernahmen sind nicht zu befürchten.
Mein Mann war gegen die Minder-
Ini­tiative, ich dafür. Ich habe in der Sache aber kapituliert: Ein Zimmermann steht verdienstmässig an einem Ende der berühmten Ernährungskette, ein Wirtschaftsboss am anderen. Über diese Schere sollte man streiten und dafür ist die Minder-Initiative sehr geeignet. Mein Gatte anerkennt aber, dass der andere Verantwortung über Zehntausende von Arbeitsplätzen trägt. Könnten Sie mit einer solchen Verantwortung ruhig schlafen? Ich nicht. Meinem Zimmermann geht zudem die Freiheit vor. Er möchte seinen Verdienst als Selbstständiger nicht vorgeschrieben ­bekommen, also konsequenterweise auch nicht den des Top-Managers.
Das ist der Genossenschaftsgedanke. Politik soll nicht in all unsere Freiräume hinein­regieren können. Wir lassen den anderen
in Ruhe. Wohnt nicht deshalb jeder zehnte Milliardär der Welt in der Schweiz? Fest steht: die reichsten 20 Prozent der Bevölkerung zahlen 35 Prozent unseres gesamten Steueraufkommens. Ich möchte diese zusätzliche Steuerlast nicht übernehmen müssen.
Schauen wir doch lieber, dass sich die Bertarellis und Vasellas nicht in elitäre Parallel­welten absetzen können. Sie sollen das politische Leben in der Schweiz aktiv mitgestalten statt nach Amerika abzuwandern. Bern täte nicht nur mehr Baselland wie -Stadt gut, sondern auch mehr ökonomischer Sachverstand. Aktuell ist das Verhandlungsgeschick von Top-Managern dort offenbar besonders gesucht. Gatte und ich sind uns hier für ­einmal einig.