Meine Welt | VS Nr. 54 | 2013 

Politisch korrekt?

Wie oft habe ich, die ihr Brot als «Schreibtischtäterin» verdient, mich über politische Korrektheiten geärgert. Es fängt mit dem «-Innen»-Anhängsel an sämtliche Substantive an. «PolitikerInnen» drückt den Anspruch auf Gleichbehandlung der Geschlechter aus. «AmerikanerInnen mit afrikanischer Herkunft» ist heute die Bezeichnung für eine Personen­gruppe, deren Einwanderungsgeschichte anhand der Bezeichnungen geschildert ­werden kann. In diesem Sprachverständnis sind «Mohrenköpfe» ebenso diffamierend wie «Züürischnurre», «Schwoob» oder «Schwarzbueb». Zwar habe ich noch nie gehört, dass sich ein Schwöbli über die ­potenzielle Verwechselbarkeit mit einem Brötchen beschwert hätte, aber dahinter steckt bitterer Ernst. Stellen Sie sich nur mal vor, ich würde in dieser Kolumne schreiben «Ich bin stolz, Deutsche zu sein» … Ersetzen Sie hingegen «Deutsche» durch «Schweizerin» und wir landen sofort wieder im Normbereich.
Als Studentin verdiente ich Geld als Messehostess. Und als ein Landsmann ein Glas Wein mit den Worten «Mäuschen, bring mir mal noch nen Roten» bestellte, sorgte Mäuschen dafür, dass ein nicht unerheblicher Teil des Roten auf seiner Hose landete. Der Arbeitgeber bekam die Rechnung und ich den Rüffel. Ich gebe zu, bei Verniedlichungen empfindlich zu sein. Dagegen bleibe ich beim Thema Quote harmlos.
Im Gegensatz zu vielen meiner Berufskolleginnen hatte ich nie ein Problem mit der Bezeichnung «Quotenfrau». Wenn es nun einmal zu wenig Frauen in Kaderpositionen gibt, ist die Quote ein taugliches Mittel. Günstig für die Gegner der Quote sind die Frauen, die das Etikett «Quotenfrau» als ­Herabsetzung ihrer fachlichen Kompetenz empfinden. Das ist, wie wenn die Romand(e)s ihren Anspruch, als Region im Bundesrat vertreten zu sein, aufgeben würden mit der Begründung, dass sie nicht in ihrer Eigenschaft als Sprachminderheit wahrgenommen werden wollen, sondern als gleichberechtigte Region mit denselben Standortvoraussetzungen wie die deutschsprachige Schweiz.
Politisch korrekt ist eine Teilzeit arbeitende Mutter, Vollzeitarbeitende sind Rabenmütter – aber nur in der Schweiz. Eine meiner kinder­losen Freundinnen ärgert sich über ihren ­Arbeitskollegen, weil der am wichtigsten Tag der Woche seinen «Papitag» hat und erwartet, dass KollegInnen dann für ihn einspringen. Muss Frau also zurückstecken, wenn Mann Kinder hat oder sitzt Mann politische Korrekt­heit aus? Oder ist er einfach nur unfair?
Mein Fazit: «Politisch korrekt» ist eine Worthülse, von der Mann und Frau sich immer wieder abgrenzen müssen – auf Basis von Respekt und Anstand. Auch meinem Kind werden die Worte «Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein» nicht über die Lippen kommen.
Zu stark haben wir verinnerlicht, zu was das führen kann. Sprache bildet nun mal die Wirklichkeit nicht nur ab, sie schafft sie auch. Doch man kann es mit der Vorsicht auch übertreiben: Ich gehe jetzt ein Wienerli essen und ein Schwöbli – obwohl das politisch nicht ganz korrekt ist.