Meine Welt | Volksstimme Nr. 56 | Mittwoch, 16. Mai 2012 | S6

Der Turnaround

Theo ist Unternehmer, Kommunikationsprofi und Phlegmatiker. Er sieht gut aus, redet nicht, ist aber stets gepflegt und zuvorkommend. Er kann wie ein Investmentbanker vorgehen, aber seine Durchsetzungsfähigkeit ist eher die von Gandhi. Sie merken schon:
Theo kann kein Mensch sein.
Die Geschichte von Theo beginnt wenige Tage nach dem Besuch unserer Nachbarn. Die hatten sich gerade zwei besitzerloser Kätzchen erbarmt. Da sie schon diverse Tiere hatten, wollten sie uns gerne eins der Kätzchen abgeben. Der Gatte und ich verstanden die Beweggründe unserer Freunde gut, erklärten aber ebenso weitschweifig wie umständlich, warum wir als «Nur-Hundefreunde» komplett ungeeignet seien. Die Nachbarn gingen und wir blieben standhaft katzenlos zurück.
Just danach leitete Theo sein friendly Take-over ein – in der Manier des Investment­bankers. Zunächst spionierte er uns gründlich aus. Sein Ziel: Alleinherrscher über einen Haushalt zu werden: Hunde ja, Zweibeiner nur als Mitarbeiter, keine anderen Katzen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis sollte stimmen. Charmant und stoisch sass er dann vor ­unserer Terrassentür und spielte: «Wer zuerst zwinkert, hat verloren». Er kam nicht herein und ging nur, wenn wir – auf Rat seines ­Besitzers, also des Nachbarn – Wasser spritzten. Und er kam wieder, wenn wir uns sieges­sicher fühlten. Er hungerte wochenlang im Schützengraben. Nach sechs Wochen gaben wir auf, Theo zog ein, der Nachbar brachte zerknirscht die Impfpapiere für einen waschechten Perser-Kartäuser mit einem Marktwert, der uns die Sprache verschlug.
Natürlich wehrten wir uns am Anfang gegen die betrieblichen Umstrukturierungen, die aus dem Take-over der «Theo AG» ­resultierten. So akzeptierten wir keinerlei Schmiergelder in Form von Mäusen. Und wir bestanden auf einen Wechsel des «Brands»: aus Minou wurde Theo, weil er einfach zu eingebildet war, um als süsser Minou durchzugehen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er schon den berühmten Mentali­tätswechsel eingeleitet, der bei vielen ­Übernahmen noch Jahre später zu Spannungen führt.
Sicher gab es auch Kommunikations­pannen. Unsere Einarbeitung ins Catering verlief nicht reibungslos. Es kam vor, dass er in der Büroschublade vergessen wurde, oder die Nachwuchskräfte respektlos wurden, wenn er zu heftig mit ihren Playmobil­männchen spielte. Theo musste morgens raus, der Gatte verbot im Zeichen seiner Vorherrschaft Katzentüren. Flexibel reagierte der Theo mit der Politik der offenen Tür: Alle bekamen eine innerbetriebliche Weiterbildung zum Türsteher, er entfernte dem Jüngsten Bauchschmerzen durch Aufliegen und widmete sich jedem Familienmitglied
in Einzelgesprächen.
Und so hat Theo den Turnaround geschafft: Er bekommt jeden Wunsch erfüllt, man bewundert seine phlegmatische Art als innere Stärke und stellt ihn als Chef nicht ­infrage – obwohl seine Performance bei
null liegt. Kurz: Er gilt bei uns jetzt als Change-Spezialist.