Meine Welt | 25. November 2011 | Nr. 133

Nicht nur der Euro ist tief gesunken

Neulich flog die Schreibende samt Schwiegermutter, Schwägerin, dem kleinen Sohn, ­seinem Vater und dem Neffen nach Frankreich zur Verwandtschaft. Die Fluggesellschaft mit dem rüebliroten Emblem und der unauffällig flächendeckenden Werbung für Städte­reisen offerierte uns online ganze 38 Euro pro Person und Flug! Im Preis enthalten: 1 Handgepäckstück. Koffer kosten extra und bleiben fürs Wochenende zu Hause. Man kann das schlecht ablehnen – schliesslich befindet sich der Euro ja im Sinkflug. Verziehen sei also die ökologische Sünde in einer Welt, die ­Klimaziele festlegt und gleichzeitig solche Schleuderpreise ermöglicht und in der Schirme mit Milliarden aufgespannt werden, die man nie hatte.
Vorbei sind allerdings die Zeiten, als man sich nach einem lässigen Schwenker des ­Passes gegenüber einem alibimässig positionierten Zollbeamten in die Ledersitze fallen liess, um Tomatenjus zu trinken. Heute kann man schon froh sein, wenn beim Einchecken die Selbstbedienung funktioniert.
Erfolgreiches Fliegen steht heute vor allem für Selbstbehauptung und Wahrung der inneren Ruhe: So geschieht geschicktes Drängeln schon mal nach dem Motto «Lassen Sie mich bitte vor, ich stand im Stau und mein Flug geht gleich, ich wurde bereits ausgerufen». Innere Ruhe braucht unsere Familien­delegation erstmals, als das Nahrungspaket für die Verwandtschaft – schliesslich gibt es in ­Frankreich keine echte Thomy-Mayonnaise, geschweige denn anständige Schoggi («oh la la»!) oder gar Aromat – als terrorverdächtig von der Sicherheitskontrolle eingezogen wird.
Das Boarding beginnt mit einer Drohung: Jeder Fluggast kann nur ein einziges Gepäckstück mit an Bord nehmen. Schwiegermutter und Schwägerin waren jedoch mittlerweile zollfrei shoppen. Ich versuche das Unheil abzuwenden, indem ich rate, die Handtasche im Handgepäck zu verstauen. Und richtig: ­Sohnemann mit dem Piratenköfferchen und Mutter passieren ungehindert und lassen den Rest der Familie am Boardingschalter zurück, wo sie Stau produzieren. Sie müssen unter strikter Aufsicht umpacken oder zahlen. Die Lage ist angespannt, diskutiert wird die Frage, ob Handtaschen überhaupt als Gepäck gelten.
Das nächste Ungemach folgt auf dem Fuss: Freie Sitzwahl statt feste Plätze. Mutter und Sohn rasen über das Flugfeld, überholen und stürzen sich ins Manöver um Sitzreihen und «Overhead-Compartments». Kaum ­sitzen alle, meldet der Steward: Ohne Geld gibts nichts zu trinken. Unser Geld ist natürlich über unseren Köpfen verstaut. Während jene mit Geld noch vor dem Sinkflug ihren Müll in einen vorbeigetragenen Plastiksack entsorgen müssen, spekulieren wir darüber, ab wann man für 38 Euro die Maschine auch noch feucht aufwischen muss, wenn man easy durch Europa fliegt…
Als wir landen, bin ich froh, dass nicht auch bei den Piloten an spezielle Sparmodelle gedacht wurde, wie zum Beispiel «Helfen Sie dem Autopilot, fliegen Sie selbst!».