Meine Welt | Volksstimme Nr. 77 | Freitag, 6. Juli 2012 | S. 8

Die Marderfalle

Wir schützten unseren Hausmarder lange – wegen seines Rechts auf friedliche Koexistenz. Wir tolerierten, dass er die Motorraum-­isolation des Autos frühstückte. Wir akzeptierten seine Pfoten auf dem Volvo als ­Markenzeichen unseres Haushaltes, in dem Autowaschen denkbar unbeliebt ist. Kurz: Marder genoss widerwillig gewährtes Gastrecht.
Er hatte sein Quartier bei den Nachbarn, die aber von Anfang an erbitterten Widerstand leisteten. Guerillamässig stieg der Nachbar immer häufiger halsbrecherisch
auf seinem Dach herum, um Einstiegsstellen mit Spezialschaum abzudichten, ein Marderschreck wurde installiert und den Balkon zierte als Krönung des Abwehrdispositivs
ein tönerner Spaniel. Als Folge dieser ­Zermürbungstaktik zog der Marder zu uns.
Ab sofort schliefen wir, was die Geräusch­kulisse angeht, unter einer Bowlingbahn. Unsere Wecker schickten wir in Frührente. Dennoch, eine militärische Präventivmassnahme erwog ich erst, als ich einen Eidotter an der Hauswand entdeckte. Unser Nagetier nutzte den für die Glyzinie gespannten Draht als Aufstieg in «seine» Dachgaube. Als er gar ein Huhn ins Blumenbeet schleppte, sanken unsere Sympathiewerte ins Bodenlose. Unser Gesellschaftervertrag lautete: «Gaube ja, Estrich nein». Bis wir aus den Ferien kamen und Marder sich durch ein faustgrosses Loch in der Holzisolation des Daches Zutritt in den Estrich genagt hatte. Der Krieg wurde erklärt.
Ich musste Halterungen für Weideseile holen. Der Gatte drehte sie rund um das Loch ein, umwickelte sie mit den offenen Enden eines Elektrokabels und spannte die Drähte über das Loch. Das Kabel führte er durch die Deckentür des Estrichs hinunter zur Steckdose im Bad. Selbst ein Schleich-Gummimarder würde zum fliegenden ­Brathähnchen mutieren, beim Versuch, den Kopf durch das Loch zu stecken. Nur dachte unser Opfer gar nicht daran, auf diese Toaster-­Konstruktion hereinzufallen und spielte weiterhin laut und lustig, verrichtete sein Geschäft in Vergeltung auf unserem Hausplatz und verstärkte seine Truppen durch Nachwuchs.
Söhnchen und ich hatten bald genug davon, ständig über das Kabel zu fallen und erklärten dem nagenden John Wayne «High Noon». Es begann Phase 2 der kriegerischen Auseinandersetzung: herkömmliche Waffen, sprich eine Marderfalle. Ziel: den kleinen Missetäter über die «Kantonsgrenze» ­abschieben. Siegesgewiss installierten wir die Falle auf Nagetiers Trampelpfad. Uns schwante Unheilvolles, als wir am nächsten Morgen Kater Theo darin fanden. Er hatte eine Regennacht im Gefängnis verbracht und war tödlich beleidigt. Sein Schicksal ­teilten weitere fünf Katzen unseres Quartiers. Nach der siebten Nacht erweiterte sich der Verein freiwilliger Haftgänger um einen Igel.
Stand heute: Der Marder fällt auf die Falle nicht herein und Theo hat gerade seine zweite Nacht in ihr verbracht … Wir erwägen derzeit Verhandlungen zur Wiederaufnahme der friedlichen Koexistenz.