Meine Welt | Volksstimme Nr. 77 | Freitag, 6. Juli 2012 | S. 8

Wo die Kunst hinfällt

Alljährlich anlässlich der Kunstmesse Art ­Basel hört man Kommentare wie: «Also da hat es Sachen, ich weiss nicht, was daran Kunst sein soll.» Aber wo fängt Kunst an und wo hört sie auf?
Zur Klärung beschlossen Mutter und Sohn die Probe aufs Exempel. Sohn hatte ­einen Bierdeckel so lange mit Einmach­gummis umwoben, bis daraus ein nicht ganz symmetrischer Gummiball wurde, der sogar aufspringt. Dieses Objekt wollten wir probeweise auf der Art positionieren und beobachten, ob sich ein Kunstbeflissener ernsthaft für unseren Einmachgummiball ­interessieren würde.
Wir machten uns also stadtfein und schritten zur Tat. Auf der Messe realisierte ich das erste Problem in unserer Übungs­anlage. Denn die Art ist nicht die Olma: Kunsthändler residieren in der Regel weit­gehend tatenlos zwischen ihren Objekten, weil nicht alle zwei Minuten ein Kunstwerk gekauft wird. Dieser Umstand gestaltete das unauffällige Deponieren des Kunstgegenständchens schwierig. Genügend Optionen gab es zwar, aber neben waschbeckengrossen Smarties wirkte unser Exemplar unscheinbar, unter einer Kette aus Seifenresten verloren und neben einem toten Gummischaf ­geschmacklos. Dann gab es die Kunstwerke, bei denen ich an meine unzureichende ­Haftpflichtversicherung dachte, käme es
zu Kompensationsforderungen. Ich begann bereits unser Vorhaben zu verfluchen, als ich eine weisse Strassensperre in Originalgrösse entdeckte. Bei einer Galerie, die ­Strassensperren als Kunst vermarktet, waren wir richtig. Flugs platzierten wir unser Bällchen auf der Sperre und verdrückten uns.
Junior bekam nun Angst, jemand würde unser Kunstwerk einfach so mitnehmen und so flanierten wir (un-)auffällig um den Tatort herum. Das corpus delicti war trotzdem plötzlich fort und Sohnemann über den ­Verlust schockgefroren. Also fasste ich mir ein Herz und fragte die Galeristin, ob sie nicht vielleicht – selbstverständlich rein ­zufällig – einen kleinen Gummiball gesehen habe. Junior setzte sein «Ich-hab-es-nicht-wirklich-mit-Absicht-gemacht»-Grinsen auf. Ich sah ebenfalls betroffen drein, wähnte ich mich doch bereits in einem Hinterraum von Security-Leuten umlagert. Die Galeristin war jedoch so nett, dass wir uns auf der Stelle
in Grund und Boden schämten. Sie habe ­geglaubt, jemand hätte sich einen Scherz gemacht und daher den Ball – es täte ihr
so leid! – in den Papierkorb geworfen. Ich beschloss, dass Max und Moritz in Zukunft dem Struwwelpeter als Erziehungslektüre
zu weichen hatten. Wir entschuldigten uns artig für das Ungemach, beschlossen, dass Galeristen sehr nette Menschen seien, ­fischten unsere Kunst aus dem Müll und wandten uns geläutert den alten Meistern zu und damit einer Epoche, in der völlig klar war, wo Kunst anfängt und wo sie aufhört.
Der Gummiball wird übrigens in Anwil ausgestellt. Zu sehen ist er, bis es dem Künstler mit circa 16 Jahren zu peinlich sein wird. Denn Kunst ist Kunst, solange sie gefällt.

 

Petra Huth ist Politikwissenschaftlerin und Ökonomin. Die deutsche Staatsangehörige lebt seit 18 Jahren im Baselbiet und seit 11 Jahren in Anwil.