Meine Welt | VS Nr. 141 | Freitag, 14. Dezember 2012 | S. 8

Kollateralschaden

Seit Oktober 2012 bin ich raus aus dem ­goldenen Käfig. Ich war Angestellte im ­Kader einer Grossbank. Das Leben in der Teppichetage war angenehm, weswegen viele meiner Kollegen nicht dort weg können, obwohl sie natürlich könnten, wäre da nicht die Angst vor dem Statusverlust. Schliesslich gibt es nur eine Richtung, wenn man am obersten Ende der Lohnskala angekommen ist und die heisst «abwärts».
Leben Sie mal jahrelang im gemachten Nest mit Pensionskassenguthaben, die man noch so nennen kann. Schuften in einem KMU ohne Haftpflichtunterlage und doppeltem Auffangnetz kann da durchaus zum Alptraum werden. Dann schon lieber ein ­anständiges Burnout auf hohem Niveau ­mit der «Corporate Krankenversicherung» im Hintergrund.
Ich habe noch selten so viele kluge Köpfe und nette Menschen getroffen wie im Kosmos Bank – aber gerade deshalb habe ich den Dauerumbau als Selbstzweck, den Untergang des gesunden Menschen­verstandes in einer Flut von Prozessen und das Stieren auf Märkte statt Menschen einfach nicht mehr ertragen. Der Rückbau des Bankgeschäfts wird von Managern betrieben, die noch nie eine Krise des aktuellen Ausmasses bewältigt haben und die vor allem vergessen haben, wozu Banken einst gegründet wurden: um die Erzeugung realer Güter zu unterstützen und die Schweiz von ausländischen Geldgebern unabhängig zu machen. Heute sind wir umso abhängiger von ausländischen Administrationen und Aufsichtsbehörden.
Denn die Schweiz hat auf dem Weg zur Dienstleistungsgesellschaft ein wichtiges Merkmal ihrer Identität verloren: Die Durchmischung der sozialen Schichten. Die Banker, Gewerbler und Bauern bleiben unter sich und schimpfen über die jeweils anderen. Das genossenschaftliche Miteinander gehört der Vergangenheit an. So kommt ein Ausgleich der Interessen nur noch schwer zustande.
Eine Grossbank ist ein Staat im Staate mit eigenen Regeln, eigener Sprache, internen Helden und Soldaten im Untergrund, die
die Zahlungsverkehrswege ebnen und die Datenbahnen funktionstüchtig halten. Am meisten Bodenhaftung haben die Kundenberater und Kreditspezialisten. Es gibt auch alle Arten von Sheriffs, aber um einen Invest­mentbanker zu überführen, brauchen die schon fast einen doppelten Doktorgrad in Buchhaltung und Mathematik.
Die Schweiz hat ihre Banken zu lange an der langen Leine gelassen. In einer Milizgesellschaft verlässt man sich gerne auf die Profis – muss man auch. Aber die technokratische Entwicklung zwingt das Miliz­system in eine Abhängigkeit von Experten, die den Definitionsspielraum für sich nutzen – und das ganz legal. Die Folge ist ein zu gros­ser Freiraum für die Kontrollierten und dadurch Kollateralschäden für die Gemeinschaft.
«Too big to fail» ist kein Leistungsausweis der Finanzwelt für die Mächtigkeit ihrer Branche, sondern eine Aufforderung an die Schweiz, sich wieder neu zu (er)finden.