Meine Welt – VS. 49 | Freitag, 27. April 2012

Erziehungsstile

Es gibt wohl keinen Königsweg, um sein Kind richtig zu erziehen. Das merkte ich beim Studieren all der Ratgeber, die nach dem Prinzip funktionieren: «Kinder nur mit Führerausweis». Alles darin stellt auf Kon­sequenz und Setzen von Grenzen ab. Eigenschaften, die mich heillos überfordern. Darf man wirklich im Ikea nicht mal alle Eieruhren auf Alarm stellen und wegrennen?
«Das Kind ist kein Partner», heisst es da unter anderem. «Man kann diskutieren und bei unwichtigen Dingen kann man dem Kind auch mal seinen Willen lassen.» Als ob ein Kind das nicht merkt! Mein Sohn erklärte an Weihnachten unser lang geplantes Projekt, das Haus in Aussenbeleuchtung zu kleiden, vor Beginn für beendet. «Mama, ich finde die Lichter an den Häusern unnötig. Für den Strom braucht es dann schon wieder ein neues Phantomkraftwerk ...» (Erwachsenenjargon: Atomkraftwerk). Ist das ein Nebenkriegsschauplatz? Ich ergab mich dieser Logik …
«Als Elternteil sollte man ausgeglichen sein.» Die Kinder haben das alleinige Recht auf ständigen Wandel. Also bekamen meine Übernamen, die ausdrückten, wie ich sie in jeder Phase empfand. Das Töchterchen wechselte von Schnecke auf Lenchen bis zur kleinen Pest, die sie in der Pubertät wurde. Der mittlere Sohn war Raffel, Rübe, Hase oder Nödel. Der Jüngste wurde aufgrund seiner umständlichen Weise, die Dinge anzugehen, vom Chnuschti über Hörnchen zu Bert, dem Umstandskrämer aus der ­Sesamstrasse. Alle wurden zudem in durchaus launisch motivierten Anfällen von ­Mutterliebe zu diversen Süssigkeiten.
«Man soll Prioritäten setzen.» Endlich! Mit Feuereifer bestand ich darauf, dass die Kinder möglichst früh in Märchen und Kinder­buchklassiker getunkt wurden. Ziel: Fliegen zu lernen, bevor die Erdanziehung sie einholt. In eine Welt, in der es keine Goldmariechen, nur selten Drachen, umso mehr Riesen und höchstens Einzelfall-Prinzen gibt. Mitnehmen was geht, bevor Nintendo im kindlichen Bewusstsein aufschlägt. Michel von Lönneberga statt Frühchinesisch und Pippi Langstrumpfs Chaotik statt Montessori-­Ordnung.
Natürlich hatte diese selbst gestrickte Pädagogik Nebenwirkungen: Max und ­Moritz bedeuteten eine gefahrvolle Zeit für Nachbars Hühner, während Till Eulenspiegel zur Gefahr für die Nachbarn selber wurde. Michel von Lönneberga lebte eine Zeit lang sogar bei uns. Bert baute mit Papa einen Tischlerschuppen, suchte nach einer Suppen­schüssel, um seinen Kopf hineinzustecken und schlürfte Suppe, weil «man ja sonst nicht merken würde, dass es Suppe sei». Psychologen warnen hier vor Überidentifi­kation. Was aber, wenn Muttern noch mit 43 an Pippi Langstrumpf hängt?
Und die Moral? Erziehung heisst nicht zuletzt, dem Ernst des Lebens mit Spass ins gefahrvolle Auge zu schauen. Meine Kinder wissen, dass das Leben kein Märchen ist, sondern das, was sie selber draus machen. Der Rest findet sich, denn die Pippi-Langstrumpf-Mutter lehrt nur das kleine Ein­maleins. Widde, widde, wer wills von mir lernen?