Meine Welt | VS Nr. 117 | Freitag, 19. Oktober 2012 | S. 8

Der Drahtseilakt

Mittwochnachmittag ist schulfrei und viele Freizeitanbieter haben sich darauf eingestellt. Mehr oder weniger erfolgreich, wie wir ­neulich anlässlich eines Ausfluges auf die Wasserfallen in Reigoldswil erlebten. Auf dem Programm stand für meine Freundin, die beiden Sprösslinge und mich die Gondel­fahrt in den Seilpark samt Trottinettabfahrt.
Um 14.30 Uhr landeten wir an der ­Gondelstation, um das ganze Spassprogramm in Angriff zu nehmen. Der Hüter des Berges in seinem Kassenhäuschen informierte uns mit erhobenen Brauen: «Ou, do sy Sii aber e bitz spoot draa.» Verwirrt starrten wir uns an. Das wiederum löste hinter der Glasscheibe Mitleid aus, aber auch ehrliches Entsetzen über so viel Naivität. «Jo, wüsse Sii, jetzt häi Sii e Viertelstund uufe und denne sy d Instruktione für in Seilpark erscht in ere Stund und denne müesse Sii um halbi föifi wieder uuse, wenn Sii mit em Drottinett abe gönge, denn die git s numme bis am föifi.»
Wir liessen uns durch diesen Wasserfall an Zeiteinheiten nicht aus dem Konzept bringen und verliessen uns auf unser Taktgefühl. Unser Serviceprofi traute uns nicht ganz: «Also Sii chönne natürlig au aabelaufe!», deutete er an, als ich mein Halbtax als ­Depot hinstreckte, und die Erklärung folgte denn auch ebenso prompt: «Mir schliesse nämlig doo unden am halber sächsi und denn müese d Drottinett doo syy.»
Unser Entnervungspegel stieg. Gab es ihn und seinen Job nicht hauptsächlich ­wegen Leuten wie uns? Aber Mütter können mit Entnervung als Dauerzustand umgehen. Also entschlossen wir uns, seinen Job zu
retten, koste es, was es wolle. Und es kostete tatsächlich. «Ich nimm aa, Dir syt äi Familie?» Ich verstand: Der Mann wollte mir nach all dem Ungemach eine Wiedergutmachung anbieten. Ich bejahte also, um zeitgleich zu realisieren, dass meine Kumpanin zu wenig niederträchtig war: «Näi, sicher nit, mir sy zwee Familie.» Wider mein Kalkül zeigte sich der Servicefachmann erleichtert: «Joo, das isch au besser so. Es wer sowieso
düürer worde.»
Ich rekapitulierte ergebnislos, was ich ­jemals über Betriebswirtschaft und Marketing gelernt hatte. Derweil zerrte meine Freundin mich nach dem Motto «Zeit ist Geld» in die Gondel. Dort schimpfte sie nun über ihren Zwang zur Korrektheit und grummelte etwas von typisch schweizerisch.
Lustig wars trotzdem: Dem Drahtseilakt folgte dann noch eine Zurechtweisung der Parkwächterin, weil wir den Jungs nicht schnell genug nachklettern konnten (sie selbst übrigens auch nicht!). Wir revanchierten uns mit dem Hinweis auf eine schwankende Kletterplattform, die unseres Erachtens gar nicht den Sicherheitsbestimmungen ­entsprechen könne.
Die Aufforderung bei der Trottinettausgabe, wir dürften bei der Abfahrt auf keinen Fall anhalten, quittierten wir mit einem Gangster-Lächeln: Diesen Teil des Zeitplans einzuhalten, machte schliesslich am
meisten Spass.