Meine Welt | 17.2.2012 | Nr. 21

Auf ein Wort

Frau Sommaruga besteht dieser Tage darauf: Eine erfolgreiche Integration basiert auf dem Erwerb der Sprache. Ergo kann der Staat von jedem Migranten verlangen, dass er das Schweizerdeutsche erlernt. Korrekt, doch der Teufel steckt bekanntlich im Detail.
Bei den ersten beiden Kindern meiner Migranten-Patchwork-Familie ist Französisch die Muttersprache, Hochdeutsch die Stiefmutter- und Oberbaselbieterdeutsch die ­Vatersprache. Ein Kauderwelsch aus Französisch und Schweizerdeutsch beherrscht den Alltag, das Hauchdeutsche blieb auf der Strecke. Denn schulbedingt fielen mit der Zeit die Gebrüder Grimm dem Molière zum Opfer und meine Gutenacht-Geschichten Facebook. Als Lehrkraft verfing ich mich in den Fallgruben deutscher Grammatik und – noch schlimmer – deutscher Geschichte mit französischen Lehrmitteln … Den Genitiv überliess ich den Profis und beschränkte mich störrisch auf die Korrektur von Fehlern wie «Heute sind wir Freitag».
Beim Eigengewächs stand ich von Anfang an unter Druck: In binationalen Beziehungen sollte gemäss Packungsbeilage jedes Elternteil in seiner Muttersprache mit dem Kind ­reden. Das Problem ist nur, dass sich das Mundart mit den vielen i-Endungen so viel babysanfter anhört als das Preussische …
Nun, unser Sohn Aaron entschied sich für Schweizerdeutsch – und blieb auch dabei, wenn wir in Deutschland einfielen. Sehr zum Missfallen seines Opas. Aaron ist das Kind einer binationalen Ehe ohne Trauschein, mithin hat er hier Aufenthaltsrecht, aber den deutschen Pass. Gemäss Bundesrätin Sommaruga verweigerte Aaron also die ­Integration in seinem Herkunftsland mit
den prognostizierten Folgen ...
Tatort Ostseeinsel Rügen: Der einheimische Nachbarsjunge Moritz holte Aaron zum ­Spielen. Dieser hatte mit seinen vier Jahren klare Vorstellungen, wie man im Sandkasten die Alpen nachbaut. Er vermittelte sie in Schweizerdeutsch und zeigte sich absolut ­geduldig, als er beim Inselbewohner auf komplettes Unverständnis stiess. Als ich merkte, dass er die Sache aussitzen wollte, nahm ich ihn zur Seite. Er müsse nun in den sauren Apfel beissen und auf die Opa-Sprache wechseln. Aaron – im Geiste Schweizer – ­erwies sich als entsprechend flexibel und die binationale Verständigung erleichterte das Fortkommen auf der Baustelle. Die schweiz(er)-­deutsche Krise schien definitiv bewältigt,
als beide sogar gemeinsam das Örtchen ­aufsuchten. Aber schon bald stürzte Moritz aufgeregt auf mich zu: «Du Petra, der Aaron pullert im Stehen!» Zwar hatte Moritz versucht, Aaron dieses unangemessene Verhalten ­auszureden, war aber an der Sprachbarriere gescheitert. Geduldig klärte ich nun Moritz darüber auf, dass Aaron wiederum keine Chance gehabt hatte, den norddeutschen Seemannsausdruck zu verstehen.
Ja, und die Moral von der Geschicht? Sprachliche Integration – auch Dialog genannt – kann eigentlich nur zum Erfolg führen, wenn beide Seiten einander auch verstehen. Da stimmen mir die Romands sicher zu …

 

Petra Huth ist Politikwissenschaftlerin und Ökonomin. Die deutsche Staatsangehörige lebt seit 18 Jahren im Baselbiet und seit 11 Jahren in Anwil.