Meine Welt | 23.12.2011 | Nr. 145

Handy im Schlafrock

Neulich abends hatte ich Gelegenheit, die peinlichsten Momente meines Lebens Revue passieren zu lassen. Das geschah im Heck ­eines weissen Lieferwagens gegen 23 Uhr an einem Sonntagabend in Anwil. Kurz zuvor hatte ich den Gatten gebeten, ein Weihnachtsgeschenk des Sohnes zwecks Umtausch am nächsten Morgen mitzunehmen, und um der Bitte Nachdruck zu verleihen, flitzte ich in ­wallendem Schlafrock und den Arbeitsschuhen des Gatten, die so gerade «gäbig» vor der Haustür herumgestanden waren, samt Plastiktüte «nur ganz schnell» raus. Ich schloss den vom Fahrerhaus abgetrennten Laderaum des Firmengefährtes auf und liess den Schlüssel aussen stecken. Natürlich sollten die Geschenkli nicht während der Fahrt hin und her geworfen werden, also flugs in den Laderaum gesprungen und nach einer geeigneten Stelle gesucht. Hinter mir fällt die Tür ins Schloss, damit geht auch das Licht aus.
Im Dunkeln ist nur ab zwei Personen gut Munkeln, ansonsten herrscht eher Orientierungslosigkeit. Ich verstaue also die Tüte so gut als möglich, finde meine Lage zum ersten Mal richtig unangenehm und wende mich mit ­einem mulmigen Gefühl im Magen zurück zur Einstiegstür, nur um bei genauerem Tasten festzustellen: Die Tür lässt sich von innen nicht öffnen. Obwohl die Temperaturen in dieser Nacht den Gefrierpunkt erreichen, sind meine Hände aber schweissgebadet.
Die beiden Türen des Busses haben je ein Fenster. Durch die sehe ich den über 70-jährigen Nachbarn auf seine Veranda treten, um frische Luft zu schnappen. Also überwinde ich mein natürliches Schamgefühl und bollere wie wild an die Fenster. Der Mann muss mich ­retten, denn niemand wird mein Fehlen ­bemerken: der Gatte wacht nicht mehr auf, der Sohn auch nicht, Hund ist nicht vorhanden und die Katze konkret nutzlos.
Natürlich klappt der Alarm nicht (der Nachbar hört nicht mehr wirklich gut). Zwar wendet er den Kopf in meine Richtung, aber nur, um anschliessend ins Haus abzudrehen und die Läden zu schliessen. Just in diesem Moment wird mir nicht nur mein peinliches Aussehen bewusst, sondern auch die Besonderheit der Situation, die ich notgedrungen erklären müsste.
Mein Schicksal scheint zu sein, diese Nacht in einem Bus zu verbringen, ohne Decke, aber dafür mit Gestänge aus Ladenmontagen, die die Nachtruhe zusätzlich verunmöglichen. Mein Gepolter wird zunehmend hysterischer. Wie ist es mit der Sauerstoffzufuhr in so einem Gefährt, denn mir scheint, dass mir bereits die Luft ausgeht? Ich beginne also gegen meine Klaustrophobie zu kämpfen, indem ich nach einer Taschenlampe suche. Ich entdecke eine in der seitlichen Schiebetür des Busses ...
Oh Wunder, diese Tür geht auch von innen auf! Zwar stecke ich zunächst zwischen Bus und Gartenmauer fest. Doch es gelingt mir, dem blechernen Verlies zu entkommen – ohne gesehen zu werden. Zerknirscht und mit dem Pulsschlag eines Sprinters lege ich mich an die Seite des Gatten und schwöre mir, für alle Fälle das nächste Mal das Handy im Schlafrock zu verstauen …