Meine Welt | 28. Oktober 2011 | Nr. 121

Guter Rat ist teuer

Diesen Sommer machte ich mit meinem Sohn eine Weide für das Familienpferd. Als ehemaliger Stadtbewohner stilisierte ich ­dieses Projekt zum eigentlichen Eignungstest meiner Landtauglichkeit. Müde lächelte der Junior – seit knapp 15 Jahren konkretes Opfer meiner Begeisterung für manuelles Werken. Loyal wie immer, informierte er mich erst bei Zaunpfahl 41 und schlappen 31 Grad, dass seine Kinder keine Pferde ­haben würden.
Ich hingegen schnallte mich mit Inbrunst hinter unseren Rasenmäher, um das Gras um die Weide anrainergerecht zu kürzen.
Es wäre einer dieser erfolgsverwöhnten Tage geworden, wenn da nicht der Rasenmäher nach zwei Dritteln Weideumrundung den Geist aufgegeben hätte … Junior hält fest, dass ein so alter und schlecht gewarteter Rasenmäher ja irgendwann kapitulieren müsse. Die Nachricht trifft mich tief: Schliesslich habe ich diesen notorischen Hang zum Erhalten, der die Geduld meines Schusters massiv strapaziert, mir aber zu ­Detailkenntnissen über Lederverarbeitung verholfen hat. Ich benutze Küchengeräte, die meine Mutter in den 70er-Jahren angeschafft hat. Den Waschmaschinenfachmann und mich verbindet vor allem Freundschaft, und Kleider werfe ich erst dann weg, wenn sie zerschlissen sind. Denn: So sicher wie Frauen gerne einkaufen, füllt die Mode von vorgestern übermorgen wieder die Läden.
Der Junior hat Mitleid, er kennt Mutters Problem – schliesslich hat sie aus der Generation «Waldsterben» ihm als Vertreter der Generation  «Elektronikspielzeug» unzählige unerwünschte Vorträge gehalten. Seine Prog­nose wird durch die Herren in der ­Genossenschaftseinrichtung mit der «Pole-Position» in Sachen Landwirtschaftsgeräte gnadenlos bestätigt. Hier findet sich gar keine Spur von Mitleid. Allein das Aufschrauben des Rasenmähers zur Kenntnisnahme des Schadens koste bereits 160 Franken, mal abgesehen von den Materialkosten, der effektiven Reparatur usw. «Ja, und schauen Sie sich mal an, wie der dreinschaut, also das sollten sie sich schon überlegen, das Nachfolgemodell ist im Angebot und kostet nur 290 Franken.» Blick und Tonfall sind überdeutlich: «Typisch Frau –
käi Aanig vo Technig und eerscht no ­überforderet.» Gesagt wird: «Gehen Sie doch mal nach Hause und überlegen Sie sichs.» Gedacht wird: «Verzells dyym Maa, dä wird dir scho Bschäid gee.» Mutter und Sohn gehen vor so viel Expertenmacht in die Knie: Die Weide soll fertig werden – und der Neue kann sogar mulchen.
Was bleibt, ist ein hoch zufriedenes, ­zunehmend rundliches Reittier, eine kreuzlahme, aber glühende Anhängerin des Landlebens, ein Sohn, der eine Stadtwohnung ohne Tiere plant und das ungute Gefühl, ­einen alten Kumpel, der zehn Jahre lang ­seinen Dienst getreulich versah, beim ersten Zusammenbruch dem Schrott übergeben zu haben. Aber vielleicht korrigiert die Krise ja auch wieder ein bisschen unsere Wegwerftendenz – wir müssen ja nicht grade zurück zu den Schonbezügen auf dem Couche …