Meine Welt | 26. August 2010 | Nr. 94 ?

Eingeschweizert

Grüezi, mein Name ist Petra Huth (42), ursprünglich aus Deutschland. Ich kam vor 18 Jahren als Wirtschaftsflüchtling ins Baselbiet und möchte mich heute als ein Beispiel für die Wirksamkeit der Schweizer Integrationspolitik vorstellen.
Zu meiner frühen Integration gehörte geduldiges Runterbremsen durch mein ­berufliches Umfeld – vor allem die Berner Verwaltung hat sich hier heldenhaft engagiert – und immer wieder der Hinweis «In der Schweiz machen wir das anders». Das zeigte über die Jahre Wirkung: In Sitzungen sage ich nicht mehr «Wir müssen …», sondern «Me sött villiecht drüber nochdänke». Weiter empfinde ich die direkte Demokratie als allen anderen Staatsformen überlegen, sage zur Beiz nicht mehr «Kneipe» und dort schon gar nicht «Ich bekomme ein Bier», sondern «I het gärn» und «Merci vielmol».
Längst auf diese elegante Zurückhaltung trainiert, reiste ich diesen Sommer mit Papa und Sohn auf die Nordseeinsel Sylt und wurde dort für zwei Wochen morgendliches Brötchenholen eingeteilt.
Als ich mich der Bäckerei näherte, sah ich zunächst die stattliche Schlange jovial plaudernder Bildzeitungsleser. Schüchtern-verdutzt den Kommentaren lauschend, ­realisierte ich erst im Laden, dass hier volle Aufmerksamkeit geboten war: Vor mir eine beachtliche Theke mit sechs norddeutschen Bäckereifräuleins, die mit grimmiger ­Entschlossenheit im Akkord schufteten. ­Wissend um meine träge Entschlusskraft
vor Einnahme des gräulich deutschen ­Filterkaffees, versuchte ich zunächst Zeit
zu ­gewinnen, um meine Brötchenstrategie «auszustudieren». Während ich noch ­innerlich Gipfeli durch Hörnchen und ­Weggli durch Kliffkanten ersetzte, wurde ich auch schon unerbittlich nach vorne ­kommandiert. Verängstigt starrte ich die ­resolute Verkäuferin an und stotterte «Drei Mohnbröt …». Schon wurde ich gnadenlos gestoppt: «Zuerst sagen Sie, wie viele ­Brötchen Sie wollen!» Es war keine Frage, sondern ein Befehl. Norddeutsche beschränken sich aufs Wesentliche.
Schreck macht helle. Ich begriff: Die ­Verkäuferin nimmt zuerst die Tüte in der richtigen Grösse auf, um sie nachher ­systematisch zu stopfen. Entscheidend bei diesem Vorgang ist, dass der Käufer nicht zum Hindernis wird, indem er sich etwa ­umentscheidet und so zu einer Richtungs­änderung zwingt oder – noch schlimmer – sie zur untätigen Warterei verdammt. Ein solch fehlerhaftes Verhalten wird direkt ­geahndet – im Minimum mit einem tödlich-eisigen Blick, der auch alle Umstehenden wortlos informiert.
Ich verliess die Bäckerei aufgescheucht und mit dem festen Vorsatz, mich am nächsten Tag nicht mehr von diesen ehemaligen Seeräubern ins Bockshorn jagen zu lassen. Da geschah es: Ich kam mir ganz plötzlich auf merkwürdige Weise ein bisschen verschweizert vor – und damit das niemand falsch versteht: Ich war sehr stolz darauf!