Meine Welt | 30. September 2011 | Nr. 109

Alles schon geregelt

Wir befinden uns im Jahr 9 nach dem abgesagten EWR-Beitritt. Ganz Europa wird von der EU reg(ul)iert … ganz Europa? Nein! Ein von unbeugsamen Schweizern bevölkertes Helvetien hört nicht auf, Widerstand zu leisten.

Während Europa an hohen Akademikerquoten arbeitet, ist man in der Schweiz erst wirklich integriert, wenn einem das Gütesiegel «unkompliziert» verliehen wird. «Das isch e ganz en Einfachi» wurde für mich zum Massstab aller Dinge, denn hochtrabend und ambitioniert kommt in der Schweiz nicht gut an. Das «Bodenständige» fängt in der Gemeinde an und hört beim Bundesrat auf, der sich konsequent ausserhalb jener Glamourzone bewegt, die die Sarkozys und Obamas der Welt produzieren. 

Meine Wenigkeit war schon immer stolz darauf, bei der Verwandtschaft in Brüssel damit angeben zu können, dass dieses Land politisch auf den gesunden Menschenverstand seiner Bürger und nicht auf Beraterstäbe setzt, wenn es um das Wohl der Gesellschaft geht – keine Task Forces und Expertenrunden, sondern allenfalls mal ein runder Tisch. Während in Deutschland Krisen mit viel Getöse ausgesessen werden, nur
um dann mit wohlkalkulierter Verspätung hektisch in alle Richtungen zu agieren, arbeiten die Schweizer bereits lange an sachdienlichen Lösungen. Anschliessend erhalten sie dann Besuch von den Nachbarn, die die Früchte dieser Arbeit in Sachen Gesundheits-, Umwelt- oder der Drogenpolitik nur allzu gerne abkupfern.

Dennoch musste seit 1992 auch die Schweiz aufmunitionieren, um die aus Europa hereingeschwemmte Regelflut bewältigen zu können. Der «autonome Nachvollzug» macht Helvetien zwar mit Europa kompatibel, geht aber leider auch auf Kosten des helvetischen Pragmatismus: In der Gesundheitserziehung wacht der Staat unaufgefordert über meine Ernährung und bestraft mein Suchtverhalten, Autositze sind für Kinder bis zu einer vordefinierten Grösse obligatorisch, weil Statistiken definieren, wo das Risiko anfängt und wo es aufhört. Kindergärtnerinnen brauchen die Matur und Kinderkrippen eine staatliche Hygienekontrolle. Wir haben mittlerweile mehr Kreisel als die Briten und ganz sicher mehr Krötenunterführungen als der Rest Europas. Auf meinem Arbeitsweg nach Zürich werde ich ebenso ungewollt auf die Feinstaubkonzentration hingewiesen, wie auf die Tatsache, dass ich durch Telefonieren im Auto alte Bekanntschaften aufwärmen kann: «Wenn Sie telefonieren, lernen Sie uns kennen … früher oder später. Ihre Aargauer Kantonspolizei.»

Historisch konnten die Schweizer bisher auf eine Menge Regeln verzichten, weil die Bürger sie direktdemokratisch auf das Notwendige begrenzten. In dem Ausmass jedoch, in dem Expertokratie Eigenverantwortung ersetzt, wächst auch in der Schweiz die Haftpflichtmentalität: Verrechtlichung von Ansprüchen gegeneinander statt dem Willen zum Miteinander. Schade, wo doch die Eurokrise zeigt: Europa wäre nun reif für den automatischen Nachvollzug!