Basellandschaftliche Zeitung im Januar 2016

Syngenta und das Ende der Marktbeherrschung

 

Kürzlich, in der Landi Gelterkinden: Fünf verschiedene Unkrautvertilger stehen zur Wahl. Die Vielfalt ist trotzdem keine: Der Wirkstoff hinter den Marken ist immer der gleiche. Es sind vor allem Bayer und Syngenta, die unsere Bauern versorgen. Branchengigant Monsanto aus den USA hat in der Schweiz keinen Stich. Aber wird es auch so bleiben?

 

Die Frage ist heiss umstritten, offen und – die logische Konsequenz eines Marktes, der längst nicht mehr frei spielt. Im Modell der freien Marktwirtschaft bestimmt der Markt, was in welcher Menge und zu welchem Preis produziert und konsumiert wird. Nicht mehr so bei der Agrochemie: Weltweit ist Syngenta nur noch einer von sechs führenden Konzernen auf einem Markt, der so überschaubar ist, wie die Energie- oder die Automobilbranche.

 

Syngenta, Weltmarktführerin bei Pestiziden und bis zur Fusion von Dow Chemical und DuPont noch drittgrösste Anbieterin von Saatgut, ist Teil eines sogenannten Angebotsoligopols marktbeherrschender Firmen. Das hat zur Folge, dass die Firmen vor allem damit beschäftigt sind, ihre Positionen gegeneinander abzusichern. Man spricht von strategischer Interdependenz. Deshalb spricht der Syngenta-Chef nun vom Zwang zur Fusion, ein Jahr nachdem die Schweizer Agrochemieperle ankündigte, allein im Markt bestehen zu wollen. Sollte gar ChemChina, der chinesische Player im Agrochemie-Markt, Syngenta übernehmen, wäre das neue Unternehmen schlagartig gleich stark wie Monsanto, der grössten Hersteller von gentechnisch modifiziertem Saatgut.

 

Im Oligopol geht das Rennen nicht um gesellschaftlich Wünschenswertes, sondern um Margen und grosse Absatzmärkte. China ist ein solcher; die Bevölkerung wächst und sie muss ernährt werden. Rein ökonomisch betrachtet birgt also eine Heirat mit den Chinesen für Syngenta durchaus Vorteile. Die Schweiz hat als Absatzmarkt nicht die gleiche Attraktivität wie China oder die USA. Deshalb kann sie auf dieser global gespielten „Reise nach Jerusalem“ potenziell verlieren. Bayer und Syngenta werden in der Schweiz zwar weiterhin Pflanzenschutzmittel anbieten, aber vielleicht immer weniger die, die wir brauchen oder wollen. Denn in einem Oligopol rutschen die Kunden aus dem Fokus. Viel wichtiger ist, was Aktionäre und Konkurrenz machen.

 

Das kann im Baselbiet im wahrsten Sinne des Wortes ans Eingemachte gehen. Etwa bei der Bekämpfung der Kirschessigfliege. Sie macht unseren Kirschbäumen den Garaus, aber die Agrochemiekonzerne liefern kein wirksames Mittel dagegen. Gemäss dem Bauernverband beider Basel ist es deshalb gut möglich, dass wir irgendwann keine Hochstammkirschbäume mehr haben werden. Erfüllen solche Anbieterkonzentrationen mit Blick auf die Nahrungsvielfalt, die Sortendiversität und die gesellschaftspolitisch hoch relevante Frage der Ernährungssicherheit denn überhaupt unsere gesellschaftspolitischen Ansprüche?

Die Antwort ist wohl eher: nein. Müssen sie bislang aber auch nicht. Denn ein international tätiges börsenkotiertes Unternehmen erfüllt in erster Linie die Erwartungen seiner Aktionäre.

 

Die Shareholder sind wichtiger als das Umfeld, die Stakeholder. Und weil die Umsatz- und Gewinnerwartungen der Aktionäre in der kurzen Frist sehr hoch sind, droht Syngenta nach der Fusionsankündigung von Dow Chemical und DuPont den Anschluss zu verlieren.

Der Wirtschaftsethiker Peter Ulrich warnt vor dieser Entwicklung. Er findet es an der Zeit, die „Sachzwangrhetorik des Marktes“ kritisch zu analysieren: Der Markt sei kein Selbstzweck. Er sei vielmehr das beste, vom freien Menschen und für den freien Menschen erdachte Wirtschaftsmodell und solle diesem dienen und nicht umgekehrt. Ulrich empfiehlt deshalb etwa weltweite Standards, die die Wirtschaft vermehrt an übergeordnete gesellschaftspolitische Ziele binden, wie etwa die Verantwortung für die Umwelt. Warum nicht auch die Ernährungssicherheit? Laut Ulrich sollten Wirtschaftslenker daran gemessen werden, ob sie Entscheidungen fällen, die sie als Bürger genauso vertreten können.

  

Übertragen auf die Anbieterkonzentration im Agrochemiemarkt könnte man beispielsweise länderübergreifend darauf abzielen, Angebotsoligopole zu vermeiden. Damit sich die Unternehmen wieder mehr am Kunden und seinen wirklichen Bedürfnissen orientieren. Und nicht nur dafür sorgen, dass in China niemand hungern muss, sondern auch die Kirschbäume vor der Essigfliege geschützt werden.