Basellandschaftliche Zeitung, Juli 2016

IT’S THE ECONOMY, STUPID: Ein Liestaler schreibt Geschichte Schreiben wir doch mit.

Von den Bewohnern dieser Region unbemerkt, schreibt ein gebürtiger Liestaler derzeit Geschichte. Urs Hölzle ist Informatiker und ein helvetischer Exporterfolg. Zuerst wanderte er an die ETH, dann nach Stanford und an die University of California aus, um der achte Angestellte von Google zu werden. Heute ist er mit 52 Jahren der drittälteste Mitarbeiter mit deutlich mehr Kollegen. Er hat sich dafür eingesetzt, dass Google seinen zweitgrössten Standort der Welt in der Schweiz aufbaut – in Zürich. Mit Cloud-Computing will Hölze in Zukunft mehr Geld verdienen als mit dem Anzeigengeschäft, das Google mächtig gemacht hat.

 

Der digitale Wandel verändert die Schweiz. Neu kann ohne grosse Fixkosten oder Vorleistungen produziert werden, die Grenzkosten für den Unterhalt eines Produktes, wie einer Netzplatzform à la Youtube tendieren gegen Null. Es ist das Gegenteil der finanziellen Vorleistungen, die die Pharma für ein marktfähiges Produkt erbringen muss. Dessen Vermarktung kann jedoch mit E-Health verbessert werden. Jederzeit können Produkte oder Technologien erfunden werden, die Markt und Wettbewerbsbedingungen auf den Kopf stellen. Erfolg und Misserfolg lagen noch nie so nah beieinander.

 

Arbeitnehmer werden zunehmend selbstständig, Konsumenten zu Anbietern. Die Sharing Economy hilft Kostensparen und dient als Geschäftsgrundlage. Passé ist die Abfolge von Ausbildung, Beruf, Rente. Sie wird genauso zu einem Patchworkgebilde, wie Wertschöpfungsketten zu Kristallen. Nur wenige Kinder, die heute in die Schule gehen, werden Urs Hölzles. Aber eine Mehrheit lernt für Berufe, die es in Zukunft nicht mehr geben wird. Statt des Musikunterrichts sollte morgen Programmieren geübt werden, der ITler der Zukunft heisst Data Scientist, Vokabelpauken übernehmen intelligente Maschinen. Wichtiger als heimische Pflanzenkunde werden Biotechnologie und effektives Brainstormen im Team. Denn die humanoiden Sozialkompetenzen rücken in einer kreativitätsbasierten Niedrig-Grenzkosten-Ökonomie in den Vordergrund, sind sie doch zusammen mit Empathie das Wichtigste, was uns von intelligenten Maschinen unterscheiden wird.

 

 

Basel ist eine innovationserfahrene Region, die Vernetzung zwischen Forschung und Wirtschaft funktioniert. Aber weil digitaler Wandel keine föderalen Grenzen kennt, besteht auch noch wirtschaftspolitisches Gestaltungspotenzial. So könnte die Verwaltung der beiden Halbkantone durch eine übergreifende E-Governance-Strategie entlastet werden. Dafür braucht es keine politische Fusion. Es reicht nicht, wenn allein die Basel-Städter 2019 erstmals alle elektronisch stimmen können. Die Esten können dies bereits seit 2005. Nicht nur der Bund, sondern auch die Kantone sind Innovationstreiber. Passepartout sollte deshalb auch nicht länger für ein regionales Fremdsprachen-Sonderkonzept stehen, sondern das Motto für die Schweizer Bildungslandschaft im wörtlichen Sinne sein. Vielleicht kommt der nächste Urs Hölzle dann nicht nur aus der Region, sondern er bleibt auch hier?