1.-August-Ansprache 2012

Anwil, Petra Huth, 31.07.2012

Die traditionelle Anrede „liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger“ entfällt in meinem Fall leider und gerade deshalb ist es mir eine grosse Ehre, heute hier als Nichtbürger zu Ihnen und unserer gemeinsamen Heimat sprechen zu dürfen. Denn um sich heimisch zu fühlen, braucht es kein Bürgerrecht. Aber es braucht die Offenheit und Souveränität einer Gemeinde zu beschliessen, dass ein Nichtbürger unabhängig von seinem Status Teil der Gemeinde ist und also die Ammeler am höchsten Feiertag der Schweiz mit einer Rede unterhalten darf.

Und es ist genau diese Tradition der Offenheit, die die Schweiz zu dem erfolgreichen Land gemacht hat, das wir heute feiern. Seit Jahrhunderten hat sie immer wieder Menschen aus aller Herren Länder angezogen und zum Nutzen aller in die Eidgenossenschaft integriert.

Der Nutzen ist offensichtlich: Die Schweiz ist das reichste Land der Welt, obwohl sie keine riesigen Anbauflächen kennt wie Deutschland oder Frankreich, im Verhältnis auch über wenig Arbeitskräfte verfügt und – ausser Wasser – keine namhaften Bodenschätze hat. Wachstum über Massenproduktion stand ihr niemals offen. Aber die Klugheit und der Erfindungsgeist ihrer Einwohner und also die Denkarbeit von Albert Einstein, die Sprengkraft eines Alfred Nobel[1], Karl Elsener mit dem berühmten Schweizer Sackmesser, die Schokoladen von Philippe Suchard und Francois-Louis Cailler. Leider hat Maurice Koechlin den Eiffelturm nicht in der Heimat aufgestellt. Aber er würde vielleicht auch nicht hierher passen, denn die bescheidenen Schweizer sind seit jeher eher für Tunnel als für Türme zu haben.

Und es kamen immer wieder andere Menschen hinzu und hielten die Schweiz in Bewegung. Als die Ernährungslage der Fabrikarbeiter thematisiert wurde, übernahm Julius Maggi die Mühle seines Vaters. Er war das jüngste von fünf Kindern eines italienischen Einwanderers und er entwickelte ein Suppenmehl aus Bohnen, Erbsen und Linsen. 1886 gelang ihm die Erfindung der Maggi Würze. 1900 war Maggi der grösste Gutsbesitzer der Schweiz. Heute gehört Maggi zu Nestlé. Denn Henry Nestlé gefiel es - Gott sei Dank - auch in der Schweiz. Baron Heinecken fand die Schweiz schön genug, um sein Bier zu erfinden, das wir trinken, wenn wir Spielern wie Philippe Senderos, Tranquillo Barnetta, oder Murat Yakin zujubeln. Alle haben einen Migrationshintergrund und spielen in der Schweizer Fussballnationalmannschaft.

Dagegen ist die Mutter des berühmten Wachsfiguren-Kabinetts in London, Madame Tussaud eine waschechte Bernerin. Schon als sehr junges Mädchen lernte Marie Grosholtz (1761 - 1850) die Kunst des Wachsmodellierens von einem Arzt und Künstler, bei dem ihre Mutter den Haushalt führte. Ohne Pioniere wie Alfred Escher wäre die Schweiz ein rückständiges und isoliertes Land geblieben, das die Industrialisierung in Europa schlicht verpasst hätte. Mit dem Eisenbahnboom einher ging der Ruf nach Fachkräften, die den Anforderungen des neuen Wirtschaftszweigs gewachsen waren. Es existierte aber keine Ausbildungsstätte für Ingenieure und Techniker. Alfred Escher kämpfte für die Schaffung der ETH und begründete damit den Bildungs- und Forschungsplatz Schweiz, aber auch den Finanzplatz.

Denn das Kapital für diese Mammutprojekte musste aus dem Ausland bezogen werden. Es gab in der Schweiz noch keine Banken, die Geld in diesen Grössenordnungen zur Verfügung stellen konnten. Deshalb gründete Escher die Schweizer Kreditanstalt, die heutige Credit Suisse, um zunächst die Finanzierung der ersten Bahnstrecke zwischen Zürich und Baden zu sichern und später die Gotthardtransversale.

Wenn wir heute feiern, feiern wir nicht zuletzt die Risikobereitschaft und Hartnäckigkeit, die die Schweiz zu dem gemacht haben was sie heute ist. Nirgends gibt es so viele weltumspannende Konzerne und nur noch Luxemburg und Liechtenstein haben eine ähnlich hohe Zahl an ausländischen Arbeitskräften.

Eine stabile Gemeinschaft, die sich nicht in sich verschliesst ist umso wichtiger als die Schweiz heute in einer eher durchwachsenen Wetterlage Geburtstag feiert. Die schon mehrfach totgesagte Krise spitzt sich im diesem Jahr 2012 erst recht zu. Die Schweiz zeigt sich dabei erstaunlich krisenfest – eine eigentliche Wohlstandsinsel im europäischen Tsunami.

Ausgelöst durch die internationale Schuldenkrise ist der Schweizer Franken zur begehrtesten Währung der Welt geworden und spiegelt die Wirtschaftskraft des Landes. Die Wirtschaft wuchs letztes Jahr um 2 Prozent, die Beschäftigung stieg gleich stark. Sogar das viel beneidete Deutschland bleibt wachstumsmässig hinter der Schweiz zurück. Als man Angela Merkel letztes Jahr noch vorschlug, aus dem Euro auszutreten, rief sie aus, sie wolle weder den hohen Franken noch die Krise der Schweiz. Nur frage ich Sie aber, welche Krise meinte sie wohl die deutsche Kanzlerin? Wahrscheinlich würden viele europäische Volkswirtschaften heute sehr viel darum geben, eine Krise à la Helvetien durchmachen zu dürfen.

Wir müssen uns nun auf eine schwierige Situation einstellen, wie wir sie seit Ende der 70er Jahre nicht mehr erlebt haben. Eine Flut von scheinbar einfachen Ratschlägen und oft nicht zu Ende gedachten Ideen nützt wenig. Das Gute ist, dass die Schweizer Stimmbürger sehr schnell merken, wenn ein Vorschlag nicht „verhebt“. Man kann durch die Politgeschichte der Schweiz gut nachweisen, dass das Volk den politischen Eliten mit schönster Regelmässigkeit einen Denkzettel verpasst, wenn ruchbar wird, dass sich Politiker und Verbandsmenschen nicht einig sind. Dann legt der Stimmbürger mehrheitlich ein „Nein“ in die Urne.

In den rund 20 Jahren, die ich nun die Schweizer Politik beobachten darf, hat sich diese Korrektur regelmässig wiederholt und das ist gut so. Technokratenentscheide wie die jüngste Managed Care Vorlage bis zurück zum abgelehnten EWR-Beitritt von 1992 zu bodigen, ist wichtig, damit die Eidgenossenschaft eben eine Genossenschaft bleibt, in der jeder Bürger eine Stimme hat und diese korrigierend einsetzen kann. So bindet man die Politiker an das zurück, was die Mehrheit der Schweizer voranbringt.

Es ist der Fehler in der europäischen Idee, dass die dortigen Eliten sozusagen unter sich bleiben können und sich so immer mehr von dem entfernen, was gebraucht und gewollt wird von der europäischen Bevölkerung. Die Krise, die uns umgibt, kann aber auch zum Zeichen in die richtige Richtung werden. Europa hat sich wirtschaftlich in eine Lage manövriert, in der die Europäer von den guten Errungenschaften der Schweiz lernen können, ja lernen müssen. Und hier rede ich nicht nur von der vorbildlichen Haushaltspolitik, sondern vor allem von den Instrumenten der direkten Demokratie, der Initiative und dem Referendum. Auch die Welt ist letztendlich ein Dorf und die Globalisierung ermöglicht, dass Staaten voneinander lernen.

Wichtig ist Sachlichkeit und genaues Hinschauen, denn wenn wir ehrlich sind, gibt es selbst bezogene Eliten nicht nur in Europa sondern auch hier. Die Vereinfachung der Formel: „Dort das technokratische Europa, hier die bodenständige Schweiz“ ist Selbstbetrug. Viele Stimmbürger verabschieden sich aus der Politik und in den Wahlkämpfen wird mit Worthülsen um sich geschlagen im besten amerikanischen Stil. Die Einkommensschere nimmt bedrohliche Ausmasse an und die Kantone buhlen mit Niedrigsteuern um reiche Ausländer, während sich die Lebensbedingungen für die Einheimischen verteuern.

Die kluge schweizerische Sicht auf die Dinge, das detaillierte – vielleicht langsame Schaffen an politischen Lösungen und Kompromissen - ist aber immer noch sehr viel sinnvoller als die Schnellschüsse aus manchen europäischen Republiken. Was sich aber auch in der Schweiz einschleicht, ist eine gewisse Haftpflicht-Mentalität. Man kann und will kein Risiko mehr eingehen. Vielleicht sollte man sich wieder mehr auf den gesunden Menschenverstand verlassen, wenn es um politische und wirtschaftliche Lösungen geht. Ein Beispiel ist das BVG, oder wie viele von Ihnen wissen, was z.B. genau Ihr Pensionskassenausweis aussagt?

Es liegt an jedem von Ihnen, wohin sich die Schweiz entwickelt, denn Stimmbürger sein, bedeutet vor allem Eins: Verantwortung tragen für das Wohl der Gemeinschaft. Denn die direkte Demokratie ist nur so lange ein gutes Modell, wie sie von der Mehrheit der Bürger genutzt wird.

Meine Damen und Herren als ich vor 11 Jahren als Politikwissenschafterin zur Credit Suisse kam, und fragte, was passiert wenn einer Bank oder einer Nation das Geld ausgeht und sie zahlungsunfähig wird, wurde ich ausgelacht. Es hiess, nur eine Politikwissenschafterin kann so viel Unverständnis für wirtschaftliche Tatsachen haben, dass so etwas schlicht unmöglich sei. Nun meine Damen und Herren, ich bringe dieses Beispiel gern und immer wieder, um zu zeigen, dass das worauf man sich gestern noch verlassen konnte, morgen vielleicht nicht mehr existiert.

Umso wichtiger ist es, sich an Tagen wie diesem an Werte zu erinnern, die Unsicherheiten zur Zukunft unserer Kinder überdauern können. Die Aussichten stehen nicht schlecht, dass diese Werte tragfähiger sein könnten als Renten und Spareinlagen.

Schweizerische Eidgenossenschaft» lautet die offizielle deutsche Bezeichnung für die Schweiz. Und als Bürgerinnen und Bürger dieses Staates sind somit alle auch Genossinnen und Genossen – Eidgenossen nämlich. Eine Genossenschaft hat immer das Ziel, für alle möglichst das Beste zu erreichen. Seit Jahrhunderten haben deshalb Personen sich zusammengefunden, um gleichberechtigt ein bestimmtes Ziel zu verfolgen. Genossenschafter nehmen zusammen das Heft selber in die Hand. Sie überlassen die Lösung nicht einer politischen oder wirtschaftlichen Elite.

Solidarität, Selbstverantwortung, Demokratie, Gleichberechtigung, Ehrlichkeit, Offenheit, Respekt – sind eben keine Phrasendrescherei am 1. August sondern sie sind der Kern der Willensnation Schweiz und wahrscheinlich auch der Grund, warum sich hier so viele Menschen anderer Kulturen wohl fühlen. Aber leben wir sie auch wirklich, diese Werte?

Die Frage muss wahrscheinlich jeder für sich selbst beantworten. Ist es z.B. «eidgenössisch», sich ins Reduit zurückzuziehen, wenn unsere Handels- und Politikpartner in die Krise geraten, ist es eidgenössisch die Welt in schwarze und weisse Schafe einzuteilen? Ist es eidgenössisch sich aus der Mitbestimmung an Politik zurückzuziehen, weil die Politiker eh immer alles verkomplizieren? Ist es eidgenössisch, wenn wir bei jedem Problem nach dem Staat und einem Verbot oder einer Vorschrift rufen? Stellen Sie sich vor, wie die Schweiz heute aussehen würde, hätten wir schon immer so gelebt.

Meine Damen und Herren - heute feiern wir nicht nur das Bündnis über das gemeinsame Recht und die gegenseitige Verteidigung, das die freien Männer von Uri, Schwyz und Unterwalden 1291 schlossen, sondern auch das 736. Jubiläum der ersten urkundlichen Erwähnung Anwils im Jahr 1276. Der Bundesstaat Schweiz ist also 15 Jahre jünger als Ammel. Das östlichste Dorf des Kantons Baselland hat sich seinen eigenen Dorfcharakter bewahrt und beherbergt Schriftsteller und Künstler, fördert sein Dorfläderli, hat eine beachtliche Sporttradition, die Broglistiftung, ein eigenes Kulturfest; fördert archäologische Ausgrabungshappenings und macht im Winter auch mal eine Eisbahn für die Jugend.

Es gibt nicht viele Gemeinden, an denen die Gemeindeversammlungen und Feste so zahlreich besucht werden, das wirklich das ganze Dorf mit Kind und Kegel um den Bann zieht. Hier werden die Werte gelebt, die die Zukunft der Schweiz bestimmen werden. Es geht darum:

  1. Fortschritt zu wagen, ohne die genossenschaftlichen Wurzeln zu vergessen
  2. Patriotisch, aber nicht nationalistisch zu sein
  3. Andere achten und integrieren und gemeinsam mit ins Ziel nehmen

Ob Klimawandel, Energiepolitik, Finanz- und Wirtschaftskrise oder Europa, die Probleme machen keinen Bogen um uns herum. Wir müssen heute das Richtige tun, damit unsere Kinder übermorgen ein gangbares Fundament haben werden. Und dies mit dem kritischen und selbstkritischen Blick, der uns die Zukunft sichern hilft.

Neues und Anderes zu integrieren, ohne die eigene Wertebasis oder die Freiheit aus den Augen zu verlieren. Das ist gelebte Souveränität und Solidarität. Deshalb gilt die Schweiz mittlerweile als eigene Marke um nicht zu sagen als Kultmarke. Swissness steht für ein globales Dorf und sie fängt hier in Ammel an. Jeder der kommt, wird ein Teil des Dorfes, wird eingemeindet statt isoliert, alle werden bemerkt, keiner ignoriert und niemand wird vergessen. Aber es muss auch jeder sein Scherflein zur Gemeinschaft beitragen vom freiwilligen Helfer über die Würdenträger bis zum 1. August-Redner.

In diesem Sinne hoffe ich, unsere kleine Tour de Suisse hat Ihnen gefallen, danke ganz herzlich für Ihr Interesse und wünsche ein schönes Fest.



[1] Nobel war zwar kein Schweizer, probierte aber den von ihm erfundenen Sprengstoff erstmals am Gotthardt grossflächig auf Gestein aus und gründete später in der Nähe eine Sprengstofffabrik.